Wirtschaft : Gesucht: Gewerkschaftschef der Zukunft

Der IG-Metall-Vorstand nominiert den neuen Vorsitzenden /Berthold Huber ist Favorit für die Zwickel-Nachfolge

Alfons Frese

Berlin. Der Vorstand der IG Metall wird an diesem Dienstag den Nachfolger für Klaus Zwickel nominieren. Favorit für das Amt des ersten Vorsitzenden ist der Stuttgarter Bezirksleiter der IG Metall, Berthold Huber. In Frage kommt aber auch der gegenwärtig zweite Vorsitzende der Gewerkschaft, Jürgen Peters. Bislang rückte immer der zweite Vorsitzende auf den Spitzenposten nach, weshalb beispielsweise der Berliner IG Metall-Chef Hasso Düvel mit Nachdruck für Peters als den „geborenen Kandidaten“ plädiert. Allerdings ist Düvel damit unter den führenden Funktionären der Gewerkschaft in der Minderheit. Von den sieben Bezirksleitern stehen nur Düvel und sein niedersächsischer Kollege hinter Peters. Und auch im Vorstand ist die Mehrheit für Huber: Gewerkschaftsinternen Rechnungen zufolge sind 23 Mitglieder für Huber und 17 für Peters.

Huber trägt das Image eines Modernisierers mit intellektuellem Touch, während Peters als Dogmatiker gilt, dem auch klassenkämpferische Rhetorik nicht fremd ist. Huber wurde am 15. Februar 1950 in Ulm geboren. Nach dem Abitur lernte der Sohn eines Ingenieurs Werkzeugmacher beim Bushersteller Kässbohrer, wo er bald zum Betriebsratsvorsitzenden gewählt wurde. 1985 begann er, in Frankfurt Philosophie, Geschichte und Politik zu studieren. Fünf Jahre später schickte ihn die IG Metall nach Ostdeutschland, um dort beim Aufbau der Organisation zu helfen. Ein Jahr später holte der damalige Gewerkschaftschef Franz Steinkühler Huber nach Frankfurt in die Zentrale. Huber arbeitete für Steinkühler und später für den zweiten Vorsitzenden Walter Riester.

Ende 1988 löste Huber in Stuttgart Gerhard Zambelli als Bezirksleiter für Baden-Württemberg ab, als dieser in den Ruhestand ging. Baden-Württemberg ist neben Nordrhein-Westfalen der größte und mächtigste Bezirk der Gewerkschaft. Weil das so ist und weil der Organisationsgrad in der südwestdeutschen Autoindustrie und ihren Zulieferer vergleichsweise hoch ist, werden die so genannten Pilotabschlüsse in den Tarifverhandlungen meistens in Stuttgart erreicht.

Tarifpolitisch hat sich Huber auch durch den Abschluss eines Qualifizierungstarifvertrags ausgezeichnet. Derzeit verhandelt er mit den Arbeitgebern über die Angleichung der Löhne der Arbeiter an die Gehälter der Angestellten. In der Debatte über Sozialreformen warnt Huber seine Leute davor, „immer nur reflexartig mit ,Nein’ zu reagieren“. Konzepte vorzulegen sei „einer der Jobs, den eine Gewerkschaft leisten muss“. Huber gilt in Gewerkschafterkreisen als jemand, der an die Zukunft denkt, der die IG Metall öffnen kann für die unterrepräsentierten Angestellten, Jugendlichen und Frauen.

Gegen den Willen von Klaus Zwickel war Jürgen Peters 1998 zum zweiten Vorsitzenden der Gewerkschaft gewählt worden. Seitdem ist das Verhältnis der beiden Spitzenfunktionäre kaputt. Zwar poltert Peters gerne drauflos, indem er das „Diktat des Marktes“ und den „Terror der Ökonomie“ geißelt. Aber im Alltag der Tarifpolitik wird er durchaus auch von den Arbeitgebern als verlässlich und pragmatisch geschätzt. Peters, der als Arbeiterkind 1944 im oberschlesischen Bolko geboren wurde, wuchs in Hannover auf, wo er bei Hanomag Maschinenschlosser lernte. 1988 wurde er Bezirksleiter der IG Metall in Niedersachsen. Hier schrieb er Tarifgeschichte, als er Anfang der 90er Jahr bei VW die Vier-Tage-Woche mit aushandelte und dadurch 30000 Arbeitsplätze rettete.

Das Selbstverständnis eines traditionellen Gewerkschafters formuliert Peters, wenn er von „kollektiven Verfahrensnormen und Rechtsansprüchen“ redet. „Die Wirklichkeit“ in Deutschland beschreibt er mit „Entlassungen, Unternehmen zahlen keine Steuern und die Schulen verkommen“. Das will Peters verhindern. „Wir brauchen eine mobilisierende, inhaltliche Zielsetzung, ein Leitbild gegen die neoliberale Ideologie, die den Arbeitnehmer in den Mittelpunkt stellt.“

Auf Gewerkschaftstagen kommen solche Sätze gut an. Deshalb ist auch nicht ausgemacht, dass Peters nicht Zwickel-Nachfolger wird. Sollte das Vorstands-Votum eher knapp für Huber ausfallen, wird Peters vermutlich als Gegenkandidat auf dem Gewerkschaftstag im Oktober antreten. Das hat es in der IG Metall noch nicht gegeben. Und diese Kampfkandidatur gegen den Willen des Vorstands würde zuspitzen, was inoffiziell in der Gewerkschaft geraunt wird: Die Entscheidung zwischen Peters und Huber ist eine Richtungsentscheidung. Über den Kopf, der die Richtung vorgibt, werden dann die 598 Delegierten in Hannover entscheiden – von denen allerdings mehr als dreihundert aus den vermeintlich sicheren Huber-Bezirken Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Küste stammen.

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