Wirtschaft : Gesunde Ernährung will gelernt sein

Das Angebot an Weiterbildungskursen ist groß, die Qualität jedoch häufig zweifelhaft

 Selina Byfield
Ausgewogen. Die richtige Ernährung ist wichtig. Viele brauchen Hilfe dabei, Essgewohnten umzustellen. Ausgebildete Fachkräfte sind dabei unerlässlich. Zwei Drittel aller Todesfälle sind auf Erkrankungen zurückzuführen, bei denen die Ernährung eine Ursache ist. Foto: dapd
Ausgewogen. Die richtige Ernährung ist wichtig. Viele brauchen Hilfe dabei, Essgewohnten umzustellen. Ausgebildete Fachkräfte sind...Foto: dapd

Giselle Bündchen, Angelina Jolie, Heidi Klum – diese Frauen müssen ein Geheimrezept haben. Sie bringen Kinder zur Welt und flanieren schon wenige Wochen später wieder über Laufstege und rote Teppiche, Bauch und Beine perfekt in Form, als sei nichts geschehen. Beim Abnehmen helfen den Modells und Schauspielerinnen oft Personaltrainer, die ihren Kundinnen das Fitnessprogramm auf den Leib schneidern. Einen gewichtigen Anteil dürften aber auch die „Food Coaches“ haben, Experten die im Detail erklären, wann sie was und in welchen Mengen essen dürfen.

In den USA sind die Ernährungsberater der Prominenten regelrechte Stars. Auch hierzulande vermitteln Fernsehformate, in denen sich Übergewichtige beim Abnehmen coachen lassen, die Botschaft: Mit Essensplan und professioneller Unterstützung kann jeder sein Wunschgewicht erreichen.

Dabei geht es den Ernährungsberatern nicht in erster Linie ums gute Aussehen. Volkskrankheiten wie Diabetes Typ 2 oder Bluthochdruck ließen sich durch eine gesündere Ernährung vermeiden. Das haben auch die Gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) längst erkannt. „Zwei Drittel aller Todesfälle sind auf Erkrankungen zurückzuführen, bei denen die Ernährung als Ursache beteiligt ist“, sagt etwa Claudia Widmaier, Pressereferentin des GKV-Spitzenverbandes. „Deshalb stellt die Förderung einer gesundheitsgerechten Ernährung ein zentrales Handlungsfeld in der primären Prävention dar.“

WAS BRINGT DIE WEITERBILDUNG?

Wer im Internet nach einem Ernährungsberater sucht, wird schnell fündig. Sie arbeiten in Beratungsstellen, Arztpraxen, Kurzentren, Krankenhäusern, Volkshochschulen. Oder sie machen sich selbständig mit Beratungsangeboten und Seminaren für Einzelpersonen oder Gruppen. Unter ihnen sind auch viele Quereinsteiger. Schließlich ist der Beruf nicht geschützt. Jeder kann sich Ernährungsberater nennen – egal mit welchem beruflichen Hintergrund. Unter ihnen sind Fitnesstrainer, Heilpraktiker oder Wellnessberater, die einen Kurs bei einem der zahlreichen privaten Weiterbildungsanbieter besucht haben.

In Berlin bietet etwa die Paracelsus Heilpraktikerschule Seminare mit dem Titel „Ganzheitlicher Ernährungsberater“ an. Sie dauern drei Tage und kosten 1900 Euro. An der Internationalen Fitness- und Aerobic Akademie (IFAA) zahlt man nur rund 240 Euro für einen zweitägigen Kurs, der mit dem Zertifikat „Ernährungsberater C-Lizenz“ abschließt. Genauso gut kann man aber auch einen Fernlehrgang buchen: Ob ILS, die Akademie für Fernstudien oder die Fernakademie Klett – viele große Anbieter haben auch den Ernährungsberater im Programm.

Klingt nach einem schnellen Weg in einen Beruf mit Zukunft. Genau darin sieht Ute Brehme, Referatsleiterin bei der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE), das Problem: „Viele Anbieter vermitteln den Eindruck, selbst der ‚interessierte Laie' könne die nötigen Kenntnisse innerhalb kurzer Zeit erwerben. Die meisten Abschlüsse sind aber gar nicht anerkannt“, sagt sie. Selbst wenn der Kurs durch öffentliche Zuschüsse gefördert werde, sage das nichts über die inhaltliche Qualität aus.

NICHT FÜR QUEREINSTEIGER

Was man bei der Berufswahl unbedingt bedenken sollte: Nur Ernährungsspezialisten wie ausgebildete Diätassistenten, studierte Ernährungswissenschaftler und Oekotrophologen sowie Ärzte mit einschlägiger Weiterbildung, sind von den Krankenversicherungen für die Beratung gesunder Menschen anerkannt. „Leider bekommen wir immer wieder Anrufe von Leuten, die nach einem Lehrgang auf dem Arbeitsmarkt aktiv werden wollen und scheitern, weil die meisten Klienten auf die Förderung durch die Krankenkasse angewiesen sind“, berichtet DGE-Expertin Brehme.

Warum eine dreijährige Ausbildung oder gar ein Studium nötig sind, wird besonders deutlich, wenn es um die Behandlung von Krankheiten geht. „Bei erhöhtem Cholesterin, Niereninsuffizienz oder Diabetes machen wir zuerst eine ausführliche Anamnese: Wie steht es um die Gesundheit und was will der Patient realistischerweise erreichen?“, erklärt Jessica Herzel, Diätassistentin im Endokrinologikum Berlin. Anschließend schreiben die Patienten ein Ernährungsprotokoll, das sie später auswertet. „Einen Diabetes-Patienten kläre ich etwa genau darüber auf, welche Lebensmittel den Blutzucker besonders schnell erhöhen. Ziel ist eine langfristige Ernährungsumstellung.“

Neben dem Wissen um Anatomie, Stoffwechsel und Nährstoffe in Lebensmitteln, spielt die Beratungskompetenz eine wichtige Rolle. Denn eine Ernährungs- oder Diätberatung führt nur ans Ziel, wenn Berater und Klient gemeinsam alltagstaugliche Ernährungspläne erarbeiten. „Psychologische Ansätze und Gesprächsführung mit dem Patienten sind Teil der Ausbildung zur Diätassistentin. Wenn jemand normalerweise süß frühstückt und ich ihm stattdessen Käsebrot vorschlage, wird das nicht funktionieren“, sagt Jessica Herzel.

DIE KURSE

Auch bei den Weiterbildungskursen der DGE stehen diese Themen im Mittelpunkt. Sie beinhalten zum Beispiel videogestützte Trainingseinheiten, in denen die Teilnehmer die Beratung praktisch üben können. Das ernährungsmedizinische und -physiologische Grundwissen müssen die Teilnehmer dagegen schon mitbringen. Ein entsprechendes Studium oder die Ausbildung zur Diätassistentin sind also Voraussetzung. Die siebenwöchigen Kompaktkurse finden in Bonn statt und kosten 2150 Euro, für die berufsbegleitende Variante mit zehn Wochenenden im Jahr zahlt man rund 2470 Euro. Der Intensivkurs mit hohem Selbststudienanteil ist mit 950 Euro wesentlich günstiger. Doch muss man dafür mindestens zwei Jahre Berufserfahrung nachweisen.

Individuelle Ernährungsberatung sollte man also den Fachkräften überlassen. „Wer glaubt, er könne einige Lehrbriefe durcharbeiten und anschließend kompetent aufklären, kommt schnell an seine Grenzen“, fasst Ute Brehme zusammen. Ob und in welchem Rahmen es Sinn macht, sich als Quereinsteiger im Bereich gesunde und vollwertige Ernährung weiterzubilden – auch dazu kann man sich bei der DGE beraten lassen.

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