Wirtschaft : Gesundheit: "Der Patient wird Opfer des Mammons"

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Das Arzneimittel-Sparpaket von Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) ist umstritten - vor allem unter den Ärzten und Apothekern, die damit später arbeiten müssen. "Ich befürchte, dass die neue Regelung gerade älteren und chronisch kranken Patienten Probleme bereiten wird", sagt Wolfgang Kreischer, Arzt für Allgemeinmedizin in Berlin-Zehlendorf (Foto: promo). "Die meisten sind an ein bestimmtes Medikament gewöhnt. Künftig werden die Patienten die Arznei schlucken müssen, die gerade am günstigsten ist", befürchtet er. Denn er werde ihnen nicht mehr wie bisher das Medikament eines bestimmten Herstellers und die Packungsgröße verschreiben dürfen, sondern nur noch eine Wirkstoffgruppe. "Alles andere entscheidet der Apotheker. Ich kann mir vorstellen, dass das vor allem viele ältere und chronisch kranke Patienten, die an ein bestimmtes Produkt seit langer Zeit gewöhnt sind, verwirrt und sie dann ihre Medikamente womöglich überhaupt nicht mehr einnehmen."

Es gebe aber noch eine andere Gefahr, warnt der Mediziner: Bei den Wirkstoffgruppen gebe es viele Untergruppen, und nicht jeder Patient vertrage alle gleich gut. Einige wirkten besser, andere schlechter, manche führten bei bestimmten Patienten zu Unverträglichkeiten. "Ein Arzt, der seinen Patienten kennt, kann so etwas einschätzen, ein Apotheker dagegen kaum", erklärt Kreischer. "Wenn etwas schief geht, liegt die Verantwortung trotzdem bei uns Ärzten. Die Regelung wirft die ärztliche Erfahrung auf den Müllhaufen. Sie wird dem Mammon geopfert."

"Apotheken quellen über"

"Für uns ist die geplante Regelung eine Entlastung", sagt dagegen Axel Müller-de Ahna, Apotheker in Berlin-Wedding. "Im Moment haben wir absolut wirkstoffgleiche Medikamente von bis zu 30 Herstellern im Lager. Unsere Schubladen quellen über." Immer mehr Generika-Hersteller brächten wirkstoffgleiche Arzneien auf den Markt, oft nur wenig preiswerter als die Konkurrenz. Um lieferfähig zu sein, müsse seine Apotheke alle vorrätig halten, weil jeder Arzt das Produkt einer anderen Firma verschreibe, klagt Müller-de Ahna. Das fällt künftig weg. Wenn der Arzt - wie derzeit geplant - nur noch den Wirkstoff, die Stärke und die Darreichungsform verordnet, könne der Apotheker selber entscheiden, von welchem Hersteller er dem Patienten das Medikament verkaufe. Der Staat fordert, dass dessen Preis im unteren Drittel des Preissegments liegt.

Schwierig für den Patienten werde es nur dann, wenn er die Apotheke wechsle. Denn jede Apotheke habe ein anderes Sortiment auf Lager. "Wenn der Patient einmal eine grüne Packung des einen Herstellers bekommt und dann eine rote Packung eines anderen - auch wenn die Wirkung identisch ist - wird er vielleicht verunsichert sein", räumt er ein. "Hier ist die Beratung durch den Apotheker gefordert."

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