Wirtschaft : Gesundheit: Pillen, die die Welt nicht braucht

Maren Peters

Ulrich Schwabe hat viele Feinde. Regelmäßig flattern dem Professor Anwaltsschreiben auf den Schreibtisch. Auch den Verlag hat der Heidelberger Pharmakologe und Autor schon einmal wechseln müssen - eine Firma hatte gegenüber seinem alten Partner eine Unterlassungserklärung durchgedrückt. Schwabe lässt sich nicht beeindrucken: Vor fast 20 Jahren hat er seinen ersten "Arzneiverordnungsreport" herausgegeben, seitdem erscheint jährlich eine Neuauflage. Doch das, was der fleißige Professor zusammenträgt, gefällt den Arzneimittelherstellern überhaupt nicht.

Seit Jahren müssen sie sich den Vorwurf gefallen lassen, Medikamente zu teuer zu verkaufen und damit die Kosten des Gesundheitswesens in die Höhe zu treiben. Im Vergleich mit anderen Ländern Europas liegt Deutschland bei den Pillenpreisen in der Spitzengruppe. In den letzten 15 Jahren haben sich die Ausgaben der Gesetzlichen Krankenversicherungen für Arzneimittel auf in 2001 schätzungsweise 42 Milliarden Mark verdoppelt. Im gleichen Zeitraum hat sich auch die Wertschöpfung der Pharma-Industrie mehr als verdoppelt. Deutschland gehört zu den Ländern mit den welthöchsten Gesundheitskosten. Trotzdem gilt die Versorgungsqualität nur als mittelmäßig.

Ulrich Schwabe glaubt, den Grund dafür gefunden zu haben. Der Pharmakologe hat ausgerechnet, dass allein im vergangenen Jahr mehr als acht Milliarden Mark - das ist fast ein Fünftel der Medikamentenausgaben der Krankenkassen - zu viel ausgegeben wurden, weil die Ärzte zu viele zu teure Medikamente verschrieben haben. Die schlimmsten Kostentreiber waren seiner Meinung nach so genannte Me-too ("ich auch")-Arzneien. Das sind Analogpräparate, die keinen klaren therapeutischen Vorteil gegenüber bereits vorhandenen Mitteln haben, aber von den Behörden trotzdem neu zugelassen wurden und teurer als ihre Vorgänger verkauft werden.

Nach Berechnungen der Gmünder Ersatzkasse (GEK) kosteten diese Schein-Innovationen mit zweifelhaftem Nutzen allein im vergangenen Jahr den Beitragszahler rund 4,6 Milliarden Mark. "Mindestens 50 Prozent dieser Ausgaben hätten eingespart werden können, wenn Ärzte weiterhin mit ihren Verordnungen bei bereits bewährten Mitteln geblieben wären", schreiben die Autoren des "GEK-Arzneimittel-Report 2001", den die Ersatzkasse herausgegeben hat.

Die forschenden Arzneimittelhersteller, sie vertreten die Großen der Branche, wollen davon nichts wissen. "Völlig aus der Luft gegriffen", sei der Vorwurf, heißt es beim Verband, der zugleich vor einer "Verteufelung" innovativer Arzneien warnt.

Pharmakonzerne wie Bayer oder Boehringer-Ingelheim können die vielen Millionen, die sie in die langjährige Entwicklung von Arzneien investieren, nur wieder hereinholen, wenn sie möglichst viele patentgeschützte neue Medikamente auf den Markt bringen, für die sie intensiv werben. Ist das Patent nach 20 Jahren abgelaufen, dürfen Generikahersteller das Original beliebig kopieren - und viel billiger verkaufen.

Die Ärzte haben in den vergangenen Jahren zwar immer mehr Billig-Kopien verschrieben - der Anteil liegt inzwischen bei knapp 70 Prozent. Trotzdem ist deren Anteil am Arzneimittelumsatz gesunken. Die Pharmakritiker der GEK haben dafür nur eine Erklärung: "Dies ist eine Folge der immer teureren innovativen Mittel, die zu einem steigenden Niveau der Gesamtausgaben für Arzneimittel führte." Sie empfehlen, nicht nur den Generika-Anteil weiter zu steigern, sondern auch innerhalb der Nachahmergruppe auf die günstigste Variante zurückzugreifen. Genau das will auch Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD). Auch sie hat inzwischen viele Feinde.

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