Gesundheitsversorgung : Chronisch krank

Beim Streit über die Finanzierung blendet die Koalition die größten Probleme des Systems einfach aus.

Rainer Woratschka
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Foto: picture-alliance

In Sachen Gesundheitsversorgung herrscht noch das Prinzip Hoffnung. Wenn alles gut läuft, wird sie in den nächsten Jahren nicht schlechter. Und wenn es besonders gut läuft, profitieren die Kranken vom medizinischen Fortschritt und kommen in den Genuss verbesserter Therapien. Erkauft werden muss dies aber, darin sind sich alle Experten einig, mit deutlich höheren Preisen. Die Versicherten werden künftig für ihre Gesundheit einen weit größeren Teil ihres verfügbaren Einkommens aufwenden müssen. Im Jahr 2008 lag der Anteil der Gesundheitsausgaben am Bruttosozialprodukt bei elf Prozent. 1970 waren es noch sechs, im Jahr 2050 könnten es 20 Prozent sein.

Die steigenden Kosten hängen stark mit den Erfolgen der Medizin zusammen. Wer besser versorgt wird, lebt länger – und hat so auch Gelegenheit, öfter und schwerer zu erkranken. Im hohen Alter steigen die Gesundheitskosten dann ohnehin. Ärztekammer-Vize Frank-Ulrich Montgomery hat das einmal schön auf den Punkt gebracht. Immer mehr Menschen, so sagte er, würden heutzutage aufwändig gegen Krankheiten behandelt, die sie früher gar nicht erlebt hätten. Um nur ein Beispiel zu nennen: Die Zahl der Demenzkranken wird sich in den nächsten 40 Jahren wohl verdoppeln – von 1,1 auf zwei Millionen.

Die Erfolge der Medizin werden zur finanziellen Belastung. In zehn Jahren stieg der Anteil der Pflegeleistungen an den Gesundheitsausgaben von 8,6 auf elf Prozent. Gleichzeitig sinkt die Zahl derer, die mit ihren Beiträgen das solidarische System finanzieren. Auch deshalb sagen viele, privat Versicherte müssten endlich mit ins Boot. Und vor allem: Beiträge müssten auch auf Kapitalgewinne erhoben werden. Die neue Koalition freilich geht einen anderen Weg. Sie will die Arbeitgeber-Beiträge festschreiben, damit die steigenden Gesundheitskosten nicht die Wirtschaft abwürgen. Das Problem dabei: Die Arbeitnehmer bleiben auf einem immer höheren Anteil dieser Kosten sitzen.

Derzeit arbeitet die Industrie an rund 440 neuen Arzneimitteln und Therapien, die bis 2013 auf den Markt kommen könnten. 31 Prozent davon befassen sich mit Krebs, 14 Prozent mit Infektionen, 13 Prozent mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen und zehn Prozent mit Entzündungskrankheiten wie Rheuma oder Multiple Sklerose. Als die Forschenden Arzneimittelhersteller diese Liste präsentierten, meldete sich zeitgleich der Krankenkassen-Spitzenverband zu Wort. Er freute sich jedoch nicht über die möglichen Segnungen für Kranke, sondern warnte vor der damit verbundenen „Kostenlawine“. Wenn es nach den Kassen geht, wird neue Arznei künftig nur noch bezahlt, wenn sie einer festgelegten Kosten- Nutzen-Bewertung standhält und bestimmte Preise nicht überschreitet.

Mit Sparmanövern und Qualitätssicherung lässt sich der Kostenanstieg aber nur hinausschieben. Das einzig wirklich wirkende Gegenmittel heißt Prävention. Um beim Beispiel Demenz zu bleiben: Durch frühe Diagnose und Behandlung lässt sich der Krankheitsausbruch um bis zu drei Jahre verzögern, sagen Experten. Und mit gesünderem Lebensstil lassen sich viele besonders teure Volkskrankheiten vermeiden oder zumindest ins höhere Alter verschieben – von Diabetes über Knochen- und Rückenleiden bis zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

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