Wirtschaft : Gewerkschaft beharrt auf Mitgliederbonus

Chemie-Arbeitgeber: Privileg spaltet Belegschaften

Alfons Frese

Berlin - Die Industriegewerkschaft Bergbau, Energie, Chemie (IG BCE) beharrt in der aktuellen Tarifrunde auf einen Bonus für ihre Mitglieder. „Es gibt eine allgemeine Diskussion um die Benachteiligung von Gewerkschaftsmitgliedern", sagte IG BCE-Vorstandsmitglied Werner Bischoff dem Tagesspiegel. „Die Mitglieder wollen was für ihren Gewerkschaftsbeitrag haben.“ Immerhin zahle ein gut verdienender Arbeitnehmer jeden Monat rund 40 Euro in die Gewerkschaftskasse. Die Gewerkschaft will einen Qualifizierungsanspruch für ihre Mitglieder durchsetzen. Zur Finanzierung der Weiterbildungsmaßnahme sollen die Unternehmen einmal im Jahr acht Promille der Lohn- und Gehaltssumme aufbringen. Bei 550000 Chemiebeschäftigten kommt Bischoff zufolge ein zweistelliger Millionenbetrag zusammen. „Damit kann man gut wirtschaften.“

Die andere Seite lehnt das ab. „Ein Mitgliederbonus spaltet die Belegschaft“, sagte Hans-Carsten Hansen, Verhandlungsführer der Chemie-Arbeitgeber. Im Übrigen bleibe dann kein Geld mehr für eine Tariferhöhung übrig, wenn 0,8 Prozent sowie die bezahlte Freistellung die Unternehmen belasteten. „Der verteilungspolitische Spielraum ist dann erschöpft“, sagte Hansen dem Tagesspiegel. Eine eintägige Freistellung entspricht Hansen zufolge einer Lohnerhöhung um 0,5 Prozent, sodass in der Summe die Qualifizierungskosten 1,3 Prozent ausmachten. Die Arbeitgeber wollen aber insgesamt in diesem Jahr nur ein Prozent mehr Geld rausrücken.

Bischoff räumte ein, der Mitgliederbonus sei „spannend und schwierig zugleich“ im Rahmen eines Flächentarifs zu regeln. Dass die Chemiegewerkschaft einen anderen Weg geht als die IG Metall, die bislang nur in einzelnen Betrieben Vorteile für Mitglieder verabredete, hängt Bischoff zufolge mit der „besonderen Stellung des Flächentarifs in der chemischen Industrie“ zusammen. In dieser Branche ist der Tarif weniger umstritten als in der Metallindustrie, was Bischoff wiederum mit „klugen Entscheidungen in der Vergangenheit“ erklärt: Gewerkschaft und Arbeitgeber haben in der Chemie bereits vor Jahren Arbeitszeit- und Entgeltkorridore vereinbart. „Deshalb haben wir keine Debatte über längere Arbeitszeiten in der Tarifrunde.“

Trotz der schwachen Konjunktur will die IG BCE auf jeden Fall höhere Löhne und Gehälter durchsetzen. „Die gesamtwirtschaftliche Entwicklung darf nicht verwechselt werden mit den betriebswirtschaftlichen Fakten und der Lage in der Branche“, sagte Bischoff. „Die Unternehmen haben gutes Geld verdient und sie verdienen weiter gutes Geld.“ Und weil die Arbeitnehmer dies wüssten, „sind die Erwartungen unserer Mitglieder größer als 2004“; damals setzte die Gewerkschaft 2,1 Prozent durch.

Für Arbeitgebervertreter Hansen ist dagegen schon ein Abschluss auf Vorjahreshöhe „zweifelhaft“. Dabei sieht er das Problem der Mitgliedererwartung auch. „Die Arbeitnehmer in den besser verdienenden Firmen wollen jetzt einen kräftigen Schluck aus der Pulle.“ Doch die Branche insgesamt sei gespalten. „Den Rohstoffproduzenten geht es gut, den Firmen, die für Endverbraucher im Binnenmarkt produzieren, eher schlecht“, sagte Hansen. Und der Flächentarif müsse auf die Schwächeren Rücksicht nehmen. Auf die Frage, ob eine Drei vor dem Komma für ihn als Verhandlungsführer Pflicht sei, antwortete Bischoff: „Wir brauchen ein gutes, chemiespezifisches Ergebnis.“ Die Verhandlungen werden am 7. Juni fortgesetzt.

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