Wirtschaft : Gewerkschaften warnen vor Flächenbrand

Nach Daimler-Chrysler verlangt nun auch Opel Zugeständnisse der Arbeitnehmer / Massenprotest gegen Mercedes-Führung

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Stuttgart/Berlin Der Streit zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften um längere Arbeitszeiten spitzt sich zu. In den Mittelpunkt rückt der Konflikt um die Sparpläne bei Daimler-Chrysler, gegen die am Donnerstag zehntausende Mitarbeiter in ganz Deutschland protestierten. Der Verdi-Vorsitzende Frank Bsirske sprach von einer „Schlüsselauseinandersetzung“ um die Zukunft von Tarifverträgen. Unterdessen kündigte auch die Opel-Muttergesellschaft General Motors Europe an, die Produktionskosten um einen „zweistelligen Prozentsatz“ drücken zu wollen.

Nach Gewerkschaftsangaben demonstrierten rund 60000 Daimler-Mitarbeiter in allen deutschen Fahrzeugwerken. Bis zu 800 Autos seien deshalb nicht gebaut worden. „Wir lassen uns nicht erpressen“, sagte der Vorsitzende des Gesamtbetriebsrates, Erich Klemm. Unlängst hatte Siemens in zwei Werken die Rückkehr zur 40-Stunden-Woche durchgesetzt. Der Daimler-Vorstand fordert in Baden-Württemberg Kosteneinsparungen von 500 Millionen Euro jährlich. Stimmen die Arbeitnehmer nicht zu, so die Drohung, wird die neue C-Klasse nicht in Sindelfingen, sondern in Bremen und Südafrika produziert. Der Betriebsrat ist zu Einsparungen von 180 Millionen Euro bereit.

Daimler-Chrysler-Vorstandschef Jürgen Schrempp sprach von „schwierigen Verhandlungen“. Er erwarte jedoch eine „von beiden Seiten getragenen Vereinbarung.“ Wann damit zu rechnen sei, wollte Schrempp nicht sagen. Mercedes-Chef Jürgen Hubbert hatte eine Lösung bis Ende diesen Monats gefordert.

Bei der Protestkundgebung in Sindelfingen forderte der baden-württembergische IGMetall-Bezirksleiter Jörg Hofmann, eine Premiummarke brauche eine Premiumbelegschaft mit einer Premiumbezahlung. „S-Klasse produzieren und Lupo-Bezahlung passen nicht zusammen“, rief er aus. Lupo ist das kleinste Fahrzeug von Volkswagen.

Vor dem Berliner Motorenwerk in Marienfelde versammelten sich rund 1000 Mitarbeiter. Dort werden unter anderem V12-Motoren für die Luxusmarke Maybach produziert. „Wir haben die Schnauze voll von Einsparungen“, sagte ein Facharbeiter. „Ich habe vor 14 Jahren bei Daimler angefangen und bekomme heute nicht mehr Geld raus als damals.“ Die Betriebsratsvorsitzende des Berliner Werks, Ute Hass, warf der Konzernleitung „Realitätsverlust“ vor. „Wir werden nicht freiwillig auf Lohn, Urlaub und Zuschläge verzichten“, rief sie. Der Protest zeige, dass sich die Standorte nicht gegeneinander ausspielen ließen.

Unterdessen hat auch General Motors Europe angekündigt, einen „dreistelligen Millionenbetrag“ einsparen zu wollen. Vizechef Carl Peter Forster sagte, mehrere Werke in Europa, darunter die Opel-Fabrik in Rüsselsheim, produzierten zu teuer. Rüsselsheim hat trotz seines modernen Maschinenparks unlängst den Zuschlag für die Produktion des Familien-Vans Zafira an das Werk im polnischen Gleiwitz verloren. Forster betonte, die Zeiten von Beschäftigungsgarantien in Deutschland seien vorbei. In den nächsten drei Monaten wolle er mit dem Betriebsrat neue Vereinbarungen erreichen. „Das muss nicht mit der 40-Stunden-Woche verbunden sein, es gibt andere Wege, mehr Flexibilität etwa“, sagte Forster. avi/ro

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