Gewerkschafts-Kongress : IG Metall ist wieder eine Organisation des Fortschritts

Burn-out, prekäre Arbeit, Altersarmut - es gibt für Gewerkschaften viel zu regeln in der heutigen Arbeitswelt. Die IG Metall hat den Wandel geschafft und nimmt sich der neuen Herausforderungen an.

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Der IG-Metall-Vorsitzende Berthold Huber während seiner Rede zum Eröffnungsabend für den einwöchgigen Gewerkschaftstag der IG Metall.
Der IG-Metall-Vorsitzende Berthold Huber während seiner Rede zum Eröffnungsabend für den einwöchgigen Gewerkschaftstag der IG...Foto: dpa

Das müssen sehr bedeutende Leute sein, deren 60. Geburtstag mit einem Essen im Kanzleramt gefeiert wird. Wie Josef Ackermann und Berthold Huber. Angela Merkel schätzt den Gewerkschafter mindestens so wie den Banker. Denn Hubers IG Metall hat sehr geholfen bei der Bewältigung der Lehman-Krise. Auch wegen einer klugen Tarif- und Industriepolitik gab es keine Massenentlassungen. Deutschland ist viel besser durch die Krise gekommen als befürchtet. Und die IG Metall auch.

Am Dienstag wird Huber als Vorsitzender der größten Arbeitnehmerorganisation hierzulande wiedergewählt. Unter Huber hat die IG Metall die Wende geschafft, erstmals seit 22 Jahren gibt es mehr Mitglieder. Und sogar die vermeintlich individualisierte Jugend erkennt die Vorteile einer kollektiven Interessenvertretung: Jedes zweite neue Mitglied ist jünger als 27 Jahre. Was ist passiert?

Der 20-jährige Mechatroniker profitiert von der Lohnfortzahlung bei Krankheit, aber er weiß vermutlich nicht, dass die IG Metall das in den 50er Jahren im Streik durchgesetzt hat. Heute hat die Gewerkschaft die Übernahme des jungen Mannes nach der Ausbildung verbindlich vereinbart. In den 70ern erkämpfte die IG Metall 30 Tage Urlaub, später die 35-Stunden-Woche. Heute bemüht sie sich um einen fairen Einstieg der Generation Praktikum ins Berufsleben. Die IG Metall geht dahin, wo der Nachwuchs ist. Auch an die Hochschulen.

Die Arbeitsgesellschaft des 21. Jahrhunderts hat nicht mehr viel mit Blaumännern zu tun. Und doch ist die Humanisierung der Arbeit, eigentlich ein gewerkschaftliches Projekt vergangener Jahrzehnte, so präsent wie lange nicht. Burn-out, prekäre Arbeit, Altersarmut wegen gebrochener Erwerbsbiografien – es gibt viel zu regeln, damit die Stärke Deutschlands, gut ausgebildete Arbeitnehmer, auch im Turbokapitalismus bewahrt bleibt.

Schon lange geht es im Kerngeschäft der Gewerkschaften nicht mehr allein um Lohnprozente. Bildung und Weiterqualifizierung, Altersvorsorge und Gesundheitsschutz sowie auftragsgerechte Arbeitszeit sind komplexe Handlungsfelder. Beispielsweise hat die „atmende Fabrik“, also die Flexibilität beim Einsatz des Faktors Arbeit, die deutsche Industrie wettbewerbsfähiger gemacht als jede andere. Das funktioniert aber nur auf der Basis der Mitbestimmung, mit Vereinbarungen zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern, die beiden Seiten gerecht werden.

„Besser statt billiger“ – mit dieser Parole wirbt die IG Metall seit Jahren für Innovationen: Bessere Schulen, mehr Aus- und Weiterbildung in den Betrieben, größere Anstrengungen bei der beruflichen Integration von Jugendlichen, die mit geringer Qualifikation von der Schule kommen. Die IG Metall ist wieder eine Organisation des Fortschritts, sie steht für Chancengleichheit und Teilhabe.

An der Spitze ist ein Mann mit Augenmaß und Blick für Zusammenhänge. Huber repräsentiert eine Organisation, die mit ihrer milliardenschweren Streikkasse behutsam umgeht. Die IG Metall gestaltet Arbeitsbedingungen von ein paar Millionen Menschen in ganz unterschiedlichen Berufen. Sie organisiert über Betriebe und Branchen hinweg Interessen und Solidarität. Anders als spezielle Berufsgruppen wie Piloten, Ärzte, Lokführer oder Fluglotsen, die nur ihr eigenes Tarifsüppchen kochen. Auch deshalb ist es gut, dass die IG Metall wieder da ist und Maßstäbe setzt für gute Arbeitsbedingungen – und gegen den rücksichtslosen Irrsinn der Finanzkapitalisten.

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