Wirtschaft : Gewinn mit Allahs Segen

Der Koran verbietet Zinsen – die Deutsche Bank entwickelt deswegen Produkte für Muslime, die das Verbot umgehen

Rolf Obertreis

Frankfurt am Main - „Gott hat den Kauf erlaubt und den Riba verboten.“ So umschreibt der Koran das Zinsverbot. Auch Investitionen in Firmen, die mit der Herstellung von Alkohol oder Waffen zu tun haben, die mit Sex, Pornografie oder Glücksspiel Geld verdienen oder Einnahmen aus Zinsen erwirtschaften, wie etwa Banken, sind untersagt. Die Scharia, das islamische Recht, macht das Geldanlegen für gläubige Moslems nicht gerade einfach. Andererseits locken lukrative Geschäfte – nicht nur mit wohlhabenden Scheichs, sondern auch mit vielen anderen Familien, die erhebliche Vermögen besitzen. An diesen Kunden sind auch deutsche Banken interessiert. Nicht in Deutschland. Aber direkt vor Ort in den arabischen Ländern am Persischen Golf.

Durch den rapide steigenden Ölpreis sind die Einkommen in den Golfstaaten allein in den vergangenen beiden Jahren rasant gestiegen. Und sie dürften weiter kräftig wachsen. Schon vor der jüngsten Ölpreis-Hausse wurde das Vermögen der weltweit rund 1,4 Milliarden Muslime auf rund 2,4 Billionen Dollar (1,9 Billionen Euro) geschätzt. Allein in Saudi-Arabien gibt es, sagen Insider, einige hundert Familien, die über ein Vermögen von umgerechnet 20 Millionen Dollar und mehr verfügen – und die ihr Geld nur nach islamischen Vorgaben anlegen.

Längst ist es nicht nur die Deutsche Bank, die mit ihrer schon in den 80er Jahren eröffneten Vertretung in Bahrain ein Auge auf die Region geworfen hat. Erst im März hat das Geldhaus eine Filiale in Dubai eröffnet, und Ende April hat Vorstandschef Josef Ackermann höchstpersönlich die erste Niederlassung eines europäischen Kreditinstituts in Saudi-Arabien eingeweiht. Nicht nur wegen der wachsenden Vermögen: Neben China und Indien zählt die Region am Golf derzeit generell zu den weltweit stärksten Wachstumszentren. Auch die vergleichsweise kleine BHF-Bank plant noch für 2006 einen Ableger in Abu Dhabi.

„Erst fünf bis zehn Prozent des Kapitals steckt in der Region bislang in Scharia-konformen Anlagen“, schätzt Hans- Jürgen Koch, Chef des Deutsche-Bank-Ablegers in der Schweiz, der für die Betreuung der reichen Klientel am Golf zuständig ist. Auf mehr als 15 Prozent pro Jahr taxiert der 49-jährige Banker das Wachstum in diesem Segment bis zum Jahr 2010. Mittelfristig könnte sich das Volumen für Scharia-konforme Finanzprodukte auf bis zu einer Billion Dollar belaufen. Die Deutsche Bank hat gute Chancen, vorne mitzumischen. Das Institut genießt in den arabischen Staaten einen exzellenten Ruf, seit Jahrzehnten schon vertrauen etliche Notenbanken auf seine Dienste. Nicht umsonst hat die Deutsche Bank als erstes europäisches Institut eine Bank-Lizenz für Saudi-Arabien erhalten.

Allerdings bedarf die Entwicklung entsprechender Anlageprodukte eines erheblichen Einsatzes. Sie müssen zudem durch islamische Wissenschaftler abgesegnet werden. Die Deutsche Bank hat deshalb auf Initiative von Koch und in Kooperation mit der Oxford University in London das Dar Al Istithmar-Institut gegründet. Dort werden für die Deutsche Bank, aber auch für andere Finanzdienstleister Anlageprodukte für die speziellen Bedürfnisse im arabischen Raum entwickelt. Fünf Scharia-konforme Zertifikate und Anleihen hat die Deutsche Bank derzeit im Angebot. Trotz Zinsverbot können sich die Renditen der Papiere sehen lassen. In den vergangenen fünf Jahren erzielten sie zum Teil Erträge von fast 15 Prozent pro Jahr, sagt Koch. Das ist mehr, als Aktienanlagen hier zu Lande gebracht haben.

Vor allem über Immobilien und Leasing finden sich Wege, wie Geldgeschäfte für Moslems attraktiv gestaltet werden können. Die „Murabaha“ erlaubt den Hauskauf, indem die Bank die Immobilie erwirbt und gegen Ratenzahlungen und einen Aufpreis an den Käufer weitergibt. Auf einem ähnlichen Weg kann ein Unternehmer Maschinen erwerben. Auch mit Leasing-Konstruktionen werden im Westen übliche Kreditverträge vermieden: Bei der „Iljarah“ erwirbt die Bank das Haus, der Kunde least es. Am Ende der Vertragslaufzeit ist das Haus abbezahlt. Die Leasinggebühr bleibt quasi als Zins bei der Bank. Gängig sind auch Sukuk-Anleihen. Dabei werden die Gläubiger zum wirtschaftlichen Eigentümer etwa einer Immobilie. Ihr Engagement wird mit einer Art Leasingentschädigung vergütet.

Die Deutsche Bank hat gemeinsam mit einer saudischen Bank schon 2004 eine Sukuk-Anleihe im Volumen von umgerechnet 180 Millionen Euro für ein großes Geschäfts- und Wohngebäude in Mekka aufgelegt. Verbunden war der Erwerb der Anleihe mit der Option auf ein Appartement mit direktem Blick auf das höchste Heiligtum der Moslems in Mekka. Entsprechend hoch war laut Koch die Nachfrage. Insgesamt waren Ende 2005 Sukuks mit einem Volumen von mehr als einer Milliarde Dollar in Umlauf. Auch Sachsen hat sich im Übrigen dieses Mittels bedient: Im August 2004 hat das Bundesland eine Sukuk-Anleihe über 100 Millionen Euro aufgelegt.

Dass sich deutschen Banken in einer potenziellen Krisenregion bewegen, ist den Managern durchaus bewusst. „Wir gehen mit großer Sorgfalt und dem notwendigen Pragmatismus vor. Internationale Banken haben aber nur eine Chance, wenn sie vor Ort sind“, sagt Koch, der den arabischen Raum seit 15 Jahren kennt und beste Kontakte zu einflussreichen Familien pflegt. Und der auch um den guten Ruf weiß, den die Deutschen in der Region genießen. Das mindert die Risiken. Und erhöht die Chancen.

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