Wirtschaft : Gewinne werden so wichtig wie Tore sein

THOMAS MAGENHEIM

Die Börsenpläne deutscher Bundesliga-Vereine nehmen Gestalt an / Alte Vereinsstrukturen international nicht wettbewerbsfähigVON THOMAS MAGENHEIM

Man schreibt das Jahr 2000.Im Berliner Olympiastadion tritt Hertha BSC gegen den VfB Stuttgart an.Dessen Erfolgsgarant und Spielregisseur Krassimir Balakow wird in der 37.Minute rüde umgemäht und scheidet mit Kreuzbandriß aus.Die VfB-Aktie saust in Folge derart geschmälerter Perspektiven am nächsten Börsentag in den Keller.Derweil diskutiert ein Schalker Fan-Club mit einer Investmentgruppe die feindliche Übernahme von Borussia Dortmund.Kurz zuvor hat der langjährige Sponsor Löwenbräu den TSV 1860 München günstig erworben und den trinkfreudigen Engländer Paul Gascoigne gegen den Willen des Trainers verpflichtet, um der eigenen Trikotwerbung mehr Glaubwürdigkeit zu verleihen. Noch sind derartige Gedankenspiele reine Spekulation.Manche Szenarien werden es wohl auch bleiben.Klar ist aber auch, daß die Fußball-Bundesliga immer mehr ins Börsenfieber gerät.Die Umwandlung von Fußballvereinen in Aktiengesellschaften rückt näher.Das Tor dazu will der Deutsche Fußball-Bund (DFB) im Oktober beim DFB-Bundestag öffnen.Dann wird "sehr wahrscheinlich" Paragraph sieben des DFB-Lizenzspieler-Statuts geändert, kündigte DFB-Ligaausschußmitglied Franz Böhmert in einem "Ran"/"Sat 1"-Sportforum in München an.Der Paragraph legt fest, daß nur als Vereine geführte Clubs eine DFB-Lizenz erhalten.Der entsprechende Passus werde künftig auf die Formulierung "Vereine und Kapitalgesellschaften" erweitert, glaubt Böhmert, zugleich Präsident von Werder Bremen. Die Vertreter deutscher Spitzenklubs sind sich einig.Alte Vereinsstukturen versprühen angesichts heutiger Umsatzdimensionen den "Charme eines Dinosauriers", bekräftigte Dortmunds Präsident Gerd Niebaum.Nur AG-Strukturen und Börsengänge, könnten Bundesliga-Spitzenclubs angesichts ähnlicher Pläne in Italien und Frankreich internationale Wettbewerbsfähigkeit erhalten.Vor allem schielt die Branche aber nach England, ins Mutterland des Sports, wo auch der Ursprung moderner Fußball-Konzerne liegt.Als Vorzeige-AG und Börsenliebling gilt der Tabellenführer der englischen Premier League, Manchester United.Gemessen an seiner Börsenkapitalisierung von über einer Mrd.DM und rund 260 Mill.DM Umsatz ist der Börsenvorreiter der größte Fußballclub Europas vor Bayern München, AC Mailand und Juventus Turin.Experten halten ihn mit rund 80 Mill.DM Gewinn auch für den profitabelsten.Binnen fünf Jahren hat das börsennotierte Unternehmen seine Einnahmen aus Fanartikel-Geschäften auf über 100 Mill.DM verneunfacht und damit internationale Maßstäbe gesetzt, betont der Fußball-Spezialist der Deutsche Bank-Tochter Deutsche Morgan Grenfell, Adam Shutkever.Neben Gewinnern wie Manchester sehe die Londoner Börse aber auch Verlierer, stellt Shutkever klar, der den Klinsmann-Club Tottenham Hotspurs betreut.So wurden Aktien des Teams aus Millwall 1997 vom Handel ausgesetzt, als die Fußballfirma zeitweise zahlungsunfähig war.Daß sportlicher Abstieg einen Absturz an der Börse nach sich zieht, zeige das Beispiel von Sunderland, dessen Börsenkurs nach dem Gang in die zweite englische Liga von 760 auf 325 Pence je Aktie einbrach. In England sind mittlerweile 18 Klubs an der Börse notiert.Allein sechs davon wagten den Schritt 1997.Bei allen Neulingen notiert deren Aktie derzeit unter dem Ausgabekurs, hält DFB-Vertreter Böhmert allzu großen Optimisten entgegen.Eine AG und die Börse sei auch hierzulande kein Wundermittel.Um nicht Geburtsfehler zu erzeugen, lege der DFB "in den nächsten Wochen" für den Umbau der Vereine in Kapitalgesellschaften Eckdaten fest.So suche man nach Regeln, die feindliche Übernahmen verhindern.Diese Angst sei nicht so weit hergeholt, betont Böhmert.Ein Teil der Aktien einer Fußball-AG solle deshalb unveräußerlich vom Stammverein gehalten werden.Ob 25 oder 50 Prozent plus einer Aktie, sei noch offen. Um das Verschieben von Spielen möglichst zu verhindern, soll auch verboten werden, daß einzelne Großanleger an mehreren Bundeligaklubs Anteile erwerben.Um die Kluft zwischen armen und reichen Klubs nicht zu vertiefen, werde ferner ein Umverteilungsmechanismus erörtert.Da einer börsennotierten Fußball-AG die 2.Liga offenbar kaum zuzumuten ist, schließt der DFB nicht aus, daß künftig statt drei Clubs nur noch einer pro Spielzeit absteigt.Unter dem Strich hält Böhmert nur einen kleinen Teil der 36 deutschen Profi-Vereine für AG- oder gar börsenfähig.Als heißeste Kandidaten für den revolutionären Schritt gelten Bayern München und Dortmund, die mit 290 Mill.DM Umsatz zusammen rund ein Drittel aller Bundesliga-Erlöse einspielen.Dazu kommen Kaiserslautern, Schalke und eine Handvoll weiterer Namen.Prinzipiell soll laut DFB deshalb von der AG bis zur Genossenschaft jede Rechtsform möglich sein.Das Augenmerk liegt aber auf AG und Börse. Grundsätzlich sind Fußball-Firmen eine Bereicherung, die dem Aktienmarkt weitere Attraktivität verleihen könnte, meinen Finanzexperten wie der Vorstand des Deutschen Aktieninstituts, Rüdiger von Rosen.Künftige Börsengelder dürften aber keinesfalls für neue Spieler verpulvert werden.Es müsse vielmehr in bleibende Werte wie ein eigenes Stadion mit darin eingebetteten Einkaufszentren oder Hotels investiert werden.Auch andere Börsenkenner gestehen einer Fußball-AG keine Sonderrechte zu."Die Börse verdammt zum wirtschaftlichen Erfolg," warnt etwa Adidas-Vorstand Michel Perraudin.Fans allein würden bei den im Raum stehenden Plazierungssummen von bis zu 600 Mill.DM als Anleger nicht ausreichen.Adidas selbst hege im übrigen durchaus Interesse für eine solche Kapitalbeteiligung und spreche mit diversen Klubs wie den Bayern.Das hört dessen Vize-Präsident Karl-Heinz Rummenigge gerne.Hinter Manchester fühlen sich die Bajuwaren in Europa wirtschaftlich als Nummer zwei.Gut 165 Mill.DM Umsatz und fast 20 Prozent Vorsteuergewinn erzielte der Club nach eigenen Angaben zuletzt.250 Mill.DM Umsatz sind mittelfristig im Visier und natürlich auch ein Börsengang.Ein Stadion für 80 000 Zuschauer mit verschließbarem Dach soll gebaut werden, versprach Rummenigge.Dortmund diskutiert einen eigenen TV-Kanal.Niebaum und Kollegen wissen freilich, daß in der AG-Ära die Zeiten vorbei sind, wo Vereinsmitglieder mit Bier und Bockwurst als Naturaldividende zufrieden sind.Gewinne machen sei bald mindestens so wichtig wie Spiele gewinnen.

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