Gewinner der Finanzkrise : Die neue Bankenwelt

Während die einen Institute um ihr Überleben kämpfen, rüsten sich andere schon für die Zeit nach der Krise. Ein Überblick über die Gewinner der Finanzkrise - sie kommen aus Europa und Asien.

Stefan Kaiser

2008 dürfte als Horrorjahr in die Geschichte der Bankenwelt eingehen. Seit der Weltwirtschaftskrise 1929 hat es keine so tiefgreifende Veränderung der Branche gegeben wie in diesem Jahr. Allein in den ersten neun Monaten des Jahres ist der Marktwert aller Banken weltweit nach Berechnungen der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) um 2,6 Billionen US-Dollar (rund zwei Billionen Euro) gesunken. Im Oktober und November dürfte es um mindestens eine weitere Billion Dollar nach unten gegangen sein.

Der Orkan, der über die Branche hinwegfegt ist, hat schon jetzt breite Schneisen geschlagen. Einstige Giganten wie die Citigroup oder die Schweizer UBS konnten nur durch Staatsbeteiligungen gerettet werden und stehen möglicherweise vor der Zerschlagung. Reine Investmentbanken sind ganz von der Bildfläche verschwunden. Entweder gingen sie pleite (Lehman Brothers und Bear Stearns), wurden verkauft (Merrill Lynch) oder in normale Geschäftsbanken umgewandelt (Goldman Sachs und Morgan Stanley).

Nun müssen die Plätze aufgefüllt werden, die die Verlierer der Krise geräumt haben. Dafür steht eine ganze Reihe von Instituten parat. Zwar ist keine Bank unbeschadet durch das Jahr gekommen. Doch einigen  geht es deutlich besser als anderen. Experten sehen die Gewinner der Krise vor allem in Europa und Asien. „Es hat definitiv eine Macht-Verschiebung von den amerikanischen zugunsten der europäischen Banken gegeben“, sagt Walter Sinn, Senior Partner bei Boston Consulting. Viele europäische Banken seien traditionell breiter aufgestellt und hätten eine größere Kundenbasis. „Es gibt im Prinzip zwei Gruppen“, sagt Sinn. „Die einen müssen sich ausschließlich mit der Krisenbewältigung beschäftigen. Die anderen können auch schon wieder in die Zukunft schauen und überlegen, in welchen Bereichen man künftig Geld verdienen kann.“ Er sieht etwa für die spanischen Institute „ganz neue Expansionsmöglichkeiten“.

Die asiatischen Banken in China oder Japan schienen zunächst kaum von der Finanzkrise betroffen. Doch in den vergangenen Monaten kamen auch aus diesem Teil der Welt immer mehr schlechte Nachrichten. „Den großen Angriff der asiatischen Banken auf den europäischen Markt wird es kurzfristig nicht geben“, glaubt deshalb Branchenexperte Sinn. „Sie müssen erst einmal ihre Lage im Heimatmarkt stabilisieren.“ Dennoch haben gerade die chinesischen Banken in den vergangenen Jahren erdrutschartig an Boden gewonnen. Gemessen am Börsenwert der Unternehmen, befinden sich mittlerweile drei chinesische Institute unter den größten zehn der Welt.

Ein Grund für die Schwäche der USA ist das dort vorherrschende Geschäftsmodell. Der Ansatz „Originate-to-distribute“ („Kreiere um zu verteilen“) ist im Zuge der Krise in Verruf geraten. Er setzte darauf, Kredite zu Anlageprodukten zu verpacken und in der ganzen Welt weiterzuverkaufen. Auf diese Art und Weise haben vor allem die amerikanischen Investmentbanken, aber auch europäische Institute wie die Deutsche Bank über Jahre hinweg Renditen von 25 Prozent und mehr eingefahren. Dagegen wirkte das klassische Bankenmodell („Buy and hold“) antiquiert, weil es vorsieht, Kredite zu vergeben und diese in den eigenen Geschäftsbüchern zu belassen. Die Margen sind dabei weitaus geringer.

„Jetzt kommt es darauf an, ein neues Modell für die Bankenwelt zu finden“, sagt Peter Bofinger, Professor an der Universität Würzburg und Mitglied im Sachverständigenrat der Bundesregierung. Zwar dürfe der Staat die Weitergabe von Krediten nicht völlig verbieten. „Er muss aber dafür sorgen, dass die Banken mehr Eigenkapital vorhalten“, meint Bofinger. Auch wenn dies auf Kosten der Gewinne gehe. „Diese Gewinne waren von Anfang an Ausdruck einer massiven Überschuldung“, sagt Bofinger. „Deshalb werden sie in den kommenden Jahren deutlich zurückgehen.“ Das glaubt auch Branchenexperte Sinn. „Die Zeiten von 25 Prozent Eigenkapitalrendite sind kurz- und mittelfristig vorbei“, sagt Sinn. Er erwartet eine „Rückbesinnung auf traditionelles Bankgeschäft“. „Die Frage, mit wem man Geschäfte macht, wird an Bedeutung gewinnen.“

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