Wirtschaft : Gewinner und Verlierer

Wissenschaftler warnen vor Umbaukosten des Stromsystems - und provozieren Branche der Erneuerbaren

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Gut festhalten. Der Streit über Deutschlands Energieversorgung geht auch in der parlamentarischen Sommerpause weiter. Foto: p-a/dpa
Gut festhalten. Der Streit über Deutschlands Energieversorgung geht auch in der parlamentarischen Sommerpause weiter. Foto:...Foto: picture alliance / dpa

Berlin - Drei Wochen nachdem der Bundesrat sieben Gesetze zur Energiewende verabschiedet hat, flammt der Streit zwischen Befürwortern und Gegnern der erneuerbaren Energien neu auf: Bereits am Wochenende ließ das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) Berechnungen verbreiten, wonach das Erreichen des Ziels von 35 Prozent Ökostromanteil bis 2020 den Strompreis nicht um einen Cent je Kilowattstunde verteuern werde, wie von der Bundesregierung behauptet, sondern um fünf Cent. Das wären für einen Normalhaushalt rund 175 Euro Zusatzkosten im Jahr. Derzeit zahlen private Haushaltskunden rund 24 Cent je Kilowattstunde, Industriekunden knapp die Hälfte.

Am Dienstag schlug das wirtschaftsnahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) aus Köln in dieselbe Kerbe und fasste das Ergebnis einer Studie zur Klimapolitik mit den Worten zusammen: „Für manche Branchen wird es eng.“ Die Kernthese: Ehrgeizige Emissionsreduktionen, mehr erneuerbare Energien und das Aus für den Atomstrom stelle die Industrie vor „sehr große Herausforderungen“ – vor allem die Energieerzeuger, die Mineralölverarbeiter, metallerzeugende Betriebe. Ohne die Vorleistungen dieser Branchen könnten bestimmte Wirtschaftszweige gar nicht existieren. „Die Autobauer zum Beispiel hätten es ohne Stahl schwer – Gleiches gilt für alle anderen Branchen, die vom Auto leben“, schrieb das IW in einer Mitteilung, um dann den Ratschlag zu geben: „Wer Klimapolitik betreibt, muss solche Zusammenhänge im Hinterkopf haben.“

Der Bericht nannte auch Gewinner der Energiewende. Zum Beispiel seien das Branchen, die sich mit der Herstellung von Geräten zur Stromerzeugung befassen. Unternehmen in diesem Sektor hätten einen niedrigen Energieverbrauch, die Produktion verursache wenig Emissionen, zudem seien diese Branchen exportorientiert und innovationsstark.

Was wie eine ausgewogene Analyse klingt, verstand man beim Bundesverband der Erneuerbaren Energien (BEE), der Lobby dieser Anlagenbauer, als Frontalangriff. Als werde man von der Politik übervorteilt! „Das Sommerloch scheint die Kritiker einer Energiewende anzuspornen, immer neue Horrorzahlen über die vermeintlichen Kosten einer nachhaltigen Energieversorgung in den Ring zu werfen“, kritisierte BEE-Geschäftsführer Björn Klusmann. Mit einer seriösen Betrachtung und Bewertung von Kosten und Nutzen habe das nichts zu tun.

Auch EU-Energiekommissar Günther Oettinger ließ sich wieder einmal in die Niederungen der nationalen Debatte herab und sagte der „Passauer Neuen Presse“, dass er in Deutschland insbesondere für Sonnenstrom keine große Zukunft sehe. „In Deutschland stößt Photovoltaik an seine Grenzen. Wir sind kein Sonnenland, wo die Bauern auf einmal Orangenplantagen betreiben können“, sagte Oettinger. Photovoltaik könne hierzulande nie eine große und kostengünstige Stromquelle sein. Aus Berlin konterte der Grünen-Energieexperte Hans-Josef Fell: „Photovoltaik wird künftig neben Windkraft den Hauptanteil der Stromversorgung liefern“. Anders als von Oettinger behauptet, werde Sonnenenergie mit zu den billigsten Stromquellen gehören.

Dann mischte sich auch die Kirche ein. Die katholische Nachrichtenagentur KNA zitierte Alois Glück, Präsident der Laienorganisation ZdK, aus einer Rede am Montag in München: Um Strom und Wärme künftig ohne Atomkraft und andere fossile Brennstoffe gewinnen zu können, sei auch die Aufnahme weiterer Schulden verantwortbar, sagte er. Damit dürfte er bei manchem seiner Zuhörer der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung Gänsehaut ausgelöst haben.

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