Gier : Unstillbarer Drang

Finanzkrise, Steuerhinterziehung und Millionen-Gehälter setzen der Marktwirtschaft zu – und stützen sie. Woher kommt die Gier?

Carsten Brönstrup

Wenn es viel Geld zu verdienen gab, war James Cayne (74) immer vorne dabei. Exotische Wetten, heikel abgesicherte Finanzgeschäfte – für den einstigen Chef der US-Investmentbank Bear Stearns gehörte das zum Alltag. Schließlich gab es enorm viel Geld zu verdienen mit dem Kredithunger der Amerikaner – und Cayne, Besitzer von fünf Millionen Bear-Stearns-Aktien, verdiente prächtig, wenn seine Bank hohe Gewinne machte. Die meisten seiner 14 000 Angestellten zogen mit, lockten bei guten Deals doch satte Bonuszahlungen und Reichtum über Nacht. Die Immobilienkrise hatten Cayne und seine Leute aber nicht auf der Rechnung: Binnen weniger Wochen schnurrten die Reserven des 84 Jahre alten Hauses zusammen. Im Januar musste der Chef seinen Hut nehmen, doch aufhalten ließ sich der Verfall der Bear-Stearns-Anlagen nicht mehr. Am Ende rauschte die Aktie um 90 Prozent in die Tiefe, ebenso wie das Vermögen von Cayne – und Konkurrent JP Morgan sicherte sich die Bank als Schnäppchen.

Was Cayne und viele andere Banker antreibt, wohnt dem Menschen inne wie nur wenige andere Laster: die Gier. Sie ist der Motor des weltweiten Kapitalismus. Die Gier lässt das Finanzsystem in globale Krisen taumeln, Manager Steuern hinterziehen oder Bilanzen fälschen, Auftraggeber bestechen oder Unternehmen ausplündern. Und einfältige Kleinanleger finden sich oft in der Mittellosigkeit wieder – weil sie sich berauscht hatten am Traum vom schnellen Geld.

Die Gier, das hemmungslose Streben nach materiellem Besitz, auch wenn er nutzlos ist, ist eng verwandt mit dem Geiz. Im 2000 Jahre alten Christentum gehört beides zu den schlimmsten denkbaren Verfehlungen eines Menschen – und im modernen Strafrecht macht Gier aus einer Tötung einen Mord, wenn sie als Motiv nachgewiesen werden kann.

Ohne Gier ist aber auch der Kapitalismus undenkbar. Das erkannte schon der Brite Adam Smith, Begründer der modernen Wirtschaftswissenschaft. „Metzger, Bauern und Bäcker handeln nicht zum Segen der Menschen, um sie zu ernähren, sondern aus eigenem wirtschaftlichen Interesse“, schrieb er in seinem Hauptwerk. Der Trieb nach mehr bringt letztlich die Menschheit weiter.

„Die Neugier, der positive Aspekt also, treibt das System an und sorgt für eine stetige Suche nach neuen Ideen und Methoden“, sagt Thomas Straubhaar, Präsident des Hamburgischen Welt-Wirtschafts-Instituts HWWI. Wie eine Gesellschaft mit dem Thema Gier umgehe, könne sogar ihren Wohlstand beeinflussen. „Die Deutschen ernten gerne die Früchte der Marktwirtschaft, tun sich aber schwer mit den mitunter auch negativen Folgen“, findet er. „Wenn Gewinnstreben als etwas Schlechtes gilt, geht das auf Kosten der wirtschaftlichen Dynamik.“

Doch durch Werksverlagerungen wie bei Nokia oder Stellenabbau wie bei BMW, Henkel oder Siemens haben die Deutschen ein Problem mit dem Drang zu immer höheren Gewinnen, die die Gier der Finanzmärkte befriedigen sollen. Mehr noch für Unmut sorgen die explodierenden Bezüge der Manager-Elite. Wie bei Harry Roels, dem Ex-Chef des Stromkonzerns RWE. Er hat in seiner fünfjährigen Amtszeit schätzungsweise 40 Millionen Euro eingestrichen. Oder die mehr als zehn Millionen Euro bei Daimler-Chef Dieter Zetsche. Er durfte sich über ein Plus von 40 Prozent im Vergleich zum Vorjahr freuen, obwohl sich Aktie und Gewinn weit weniger gut entwickelten.

„Wohlstand für alle“, das Credo Ludwig Erhards und die Basis des Wirtschaftswunders, klingt für viele Bürger schräg in einer Zeit, in der ein Dax-Vorstand das 44-Fache eines einfachen Belegschaftsmitglieds verdient – dessen Lohn wenn überhaupt stagniert. 1987 lag der Faktor erst bei 14.

Dabei sind auch die kleinen Leute nicht ohne Sünde. Den größten Schaden durch Steuerhinterziehung richten nicht etwa Großverdiener an, die ihr Geld ins Ausland schleusen. Viel mehr Geld geht dem Fiskus durch Trickserei und Schwarzarbeit der Durchschnittsverdiener verloren, hat der Linzer Wirtschaftsprofessor Friedrich Schneider ausgerechnet.

„Manager sind nicht gieriger als andere Menschen“, befindet Michael Bursee. Er ist Vergütungsexperte bei der Unternehmensberatung Kienbaum. Die Höhe ihrer Entlohnung sei für die Chefs ein wichtiger Maßstab im sozialen Vergleich untereinander. Zudem seien Manager sehr ehrgeizig und hätten für die Karriere viel geopfert. „Wer diese Welt nicht kennt, versteht gesundes Gewinnstreben womöglich schlicht als Gier“, sagt Bursee. „Die Manager schöpfen schlicht ihre Möglichkeiten aus“, pflichtet ihm Ökonom Straubhaar bei. „Sie haben es quasi schwarz auf weiß in ihren Arbeitsverträgen, dass sie gierig sein dürfen.“

Allerdings lassen sich die Manager ungern über einen Kamm scheren, gibt Marie-Luise Dött, Vorsitzende des Bundes Katholischer Unternehmer, zu bedenken. Investoren bei großen Kapitalgesellschaften seien anfällig für „kurzfristige Gewinngier“, findet sie – anders als Mittelständler und Familienfirmen, die bei der Rendite einen mittelfristigen Horizont hätten. Außerdem: „Gier entfaltet sich immer dort, wo es zu hohe Gewinne gibt“, sagt Dött – also dort, wo nicht genügend Konkurrenz herrscht. Die einträglichsten Geschäfte verzeichnen derzeit Stromkonzerne und Öllieferanten – Branchen, in denen wenige Große den Markt unter sich aufteilen. Dött: „Das beste Mittel gegen Gier ist deshalb eine Ordnung, die für möglichst viel Wettbewerb sorgt.“

Und natürlich Anstand – dazu rät der amerikanische Investor Warren Buffett, der momentan reichste Mann der Welt. „Man braucht 20 Jahre, um sich einen guten Ruf aufzubauen, und nur fünf Minuten, um ihn zu verlieren“, lautet eins seiner Bonmots. „Wer das beherzigt, handelt bewusster.“

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