Wirtschaft : Gipfeltreffen der Riesen

6,47 Billionen Euro Umsatz, 223 Milliarden Euro Gewinn: Unter den 500 größten Konzernen Europas haben die Deutschen Spitzenplätze. Nur an der Börse nicht

Henrik Mortsiefer

Auf den ersten Blick sieht es gut aus für die Deutschen : In der Liste der größten europäischen Unternehmen rangieren sie auf vorderen Plätzen. Aus Deutschland stammen 14 der 50 umsatzstärksten börsennotierten Unternehmen, vier der zehn größten Arbeitgeber und 26 der 50 größten Familienunternehmen in Europa. Nur am Kapitalmarkt, wo der Wert der Schwergewichte täglich neu bestimmt wird, spielen deutsche Konzerne kaum eine Rolle: Obwohl die Aktien im Jahr 2003 kräftig gestiegen sind, findet sich unter den Top Ten der zehn schwersten Börsenwerte kein deutsches Unternehmen.

Ist die Börse blind? Oder was fehlt den deutschen Konzernen, um auch dem Finanzmarkt zu gefallen?

Ein Grund für die mangelnde Wertschätzung an der Börse, wo die Deutschen eher Übernahmekandidaten als Einkäufer sind, könnte in ihrer mageren Profitabilität liegen. So hat allein der Energiekonzern Eon als einziges deutsches Unternehmen den Sprung in die europäische Spitzengruppe der größten Gewinner geschafft. Dort finden sich fast nur Unternehmen, die aktiv an der Fusionswelle teilgenommen haben oder schon eine dominierende Position in ihrer Branche haben – so die Ölmultis BP und Shell, die Pharmariesen Glaxo Smithkline und Novartis, der Handy-Marktführer Nokia und der Lebensmittelkonzern Nestlé. Addiert lagen 2003 die Gewinne der 500 größten börsennotierten Firmen mit 223 Milliarden Euro fast vier Mal so hoch wie 2002. Der Umsatz verringerte sich nur um 1,7 Prozent auf 6,47 Billionen Euro. Die meisten Top-500-Unternehmen stellt Großbritannien: 121. Briten besetzen auch Spitzenplätze bei Gewinn und Börsenwert.

„Absolute Zahlen sagen aber wenig über die tatsächliche Wettbewerbsfähigkeit aus“, gibt Georg Elsässer, Aktienstratege bei HSBC Trinkaus&Burkhardt, zu bedenken. Entscheidend für das internationale Standing eines Unternehmens sei etwa das Verhältnis seines Umsatzes zum Börsenwert oder der Grad der Internationalisierung. Berücksichtigt werden müsse auch, wie weit die Konsolidierung des Marktes fortgeschritten sei, auf dem der Konzern seine Geschäfte macht. Gerade hier haben die Deutschen nach Meinung von Experten großen Nachholbedarf. Dies nicht zuletzt deshalb, weil in Nachbarländern wie Frankreich die Regierung bei der Bildung nationaler und europäischer Champions kräftig mitmischt. In der deutschen Wirtschaft breitet sich deshalb eine Art Endspiel-Stimmung aus. Erst haben sich vor allem die reifen Industriebranchen national konsolidiert, seit mehr als einem Jahrzehnt rollt die globale Konsolidierungswelle. Ein Beispiel dafür ist die Pharmaindustrie, die gleich mehrere, schnell aufeinander folgende Konzentrationsschübe erlebte. Die Top Ten der Branche kamen 1991 zusammengenommen auf gut ein Fünftel Anteil am Weltmarkt, 2002 war es schon fast die Hälfte. Und die Fusion Sanofi-Aventis könnte am Anfang einer neuen Welle stehen. Welche Rolle deutsche Pharmafirmen dabei spielen, ist ungewiss. Aktuell findet sich mit Celesio, der früheren Gehe, ein deutsches Pharmaunternehmen erst auf Platz 90 der 500 Umsatzstärksten. Abgeschlagen auf Platz 320: der Berliner Dax-Konzern Schering.

Doch während die deutsche Pharmaindustrie, ebenso wie die Medien- und Finanzbranche, gegen den Abstieg kämpft, haben zum Beispiel deutsche Auto- oder Stahlkonzerne einen festen Platz in der Weltliga. Ungeachtet der wachsenden Konkurrenz auf dem Weltmarkt konnten die deutschen Fahrzeugbauer (einschließlich Luft-, Schienen- und Wasserfahrzeugen) ihre Wettbewerbsfähigkeit verbessern, wie das Zentrum für europäische Wirtschaftsforschung jetzt in einer Studie belegte. Ein Grund: Der Fahrzeugbau gibt so viel für Innovationen aus wie keine andere Branche in Deutschland. Für 2004 rechnet die Branche mit Gesamtaufwendungen von 24 Milliarden Euro – das sind 34 Prozent der gesamten Innovationsinvestitionen der deutschen Industrie.

Entscheidender als das Investitionsvolumen ist aber, ob wettbewerbsfähige Produkte auf den Markt kommen. Hier zeigt die deutsche Industrie traditionell Schwächen. Das wissen auch die Unternehmen. In einer Umfrage der Beratungsfirma Celerant unter 100 Top-Managern gab Ende 2003 fast die Hälfte der Befragten an, das Haupthindernis für die Steigerung ihrer Wettbewerbsfähigekeit sei die „mangelhafte Führung bei Veränderungsprozessen“. Auch dies dürfte ein Hinweis darauf sein, warum die Börse deutsche Konzerne mit einem Abschlag handelt. mit HB

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