Wirtschaft : Gipsbein und Ellenbogen

Tewe Pannier

Jeden Monat kommen zigtausende Zuwanderer an den Golf. Egal, ob aus Indien oder Pakistan, Sri Lanka oder dem Irak, Ägypten oder Persien – jeder hat nur ein Ziel: schnell, schnell, sehr schnell Geld verdienen! Flink einen Job finden, hurtig ein Auto kaufen, bald die Frau nachholen, zügig ein bisschen sparen. Da wird der Ellenbogen schon mal zum wichtigsten Körperteil.

Am Bankschalter zum Beispiel ist die Ungeduld grenzenlos. Wer noch das Wort „Diskretionsabstand“ aus seiner Berliner Filiale im Kopf hat, wird – während er mit der Angestellten über seinen Kontostand redet – zunächst von rechts überrascht: Ein arabischer Mann steht plötzlich auch am Schalter, reicht mitten in das Gespräch einen Scheck über den Tresen: „Kann ich den bitte jetzt einreichen?“, sagt er forsch. Kaum Zeit zum Wundern, da stößt ein Inder von links heran, wedelt mit einer 1000-Dirham-Note: „Wechseln!“, drängt er.

Verschärftes Ellenbogentraining auch an Fahrstühlen. Wie Rennpferde vor dem Start warten die Menschen vor den Türen, immer nervöser werden sie, je näher die Zahl in der Anzeige ihrem Stockwerk kommt. Das „Pling“ ist dann das Startsignal, die Türen sind kaum ganz offen, schon steht die Hälfte der Meute im Lift. Drinnen gibt’s nach jedem Halt dann noch einen merkwürdigen Wettbewerb: Immer zwei, drei Passagiere stoßen mit ihren Fingern nach dem „Tür zu“-Knopf, wollen so das Schließen der Türen noch vor der Automatik auslösen, um wertvolle Sekunden zu schinden. Der betreffende Knopf ist in den meisten Fahrstühlen schon ganz abgenutzt und schmutzig. Im Supermarkt, im Verkehr, sogar am Strand: Überall kämpfen alle um jeden Zentimeter Vorsprung.

Seit einer Woche habe ich mit Gipsfuß und Krücken eine ganz neue Erfahrung gemacht: Mitten auf der Straße bleibt ein Pakistaner plötzlich stehen, fragt, ob er meine Tasche tragen darf. In den Fahrstuhl humpele ich jetzt als Erster, alle anderen warten ab. Die Kunden in der Bank winken mich an den Anfang der Schlange, und vor einer Treppe lässt ein Mann seine Tasche stehen, um mir die Stufen heraufzuhelfen. Einmal ruhe ich mich auf einer Parkbank vom Humpeln aus, da spricht mich der Mann neben mir an – ein alter Einheimischer mit Kopftuch, weißem Bart und einer Art Hirtenstab – und zeigt mit der Hand nach oben: „Möge Allah deinen Fuß rasch heilen“, sagt er. Einerseits wünsche ich mir das auch. Andererseits ...

Der Autor (45) betreibt eine Medienfirma in Dubai und lebt abwechselnd dort und in Berlin.

ein Geschäftsmann

aus Berlin, erzählt von Arabien

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