Wirtschaft : Gisela Mießner

(geb. 1925)||Es war nicht alles doppelt. Eher war es halb. Oder noch viel weniger.

Kerstin Decker

Es war nicht alles doppelt. Eher war es halb. Oder noch viel weniger. Zum ersten Mal kehrt sie 1984 in die Stadt ihrer Kindheit zurück. Gisela Mießner hat Christa Wolfs „Kindheitsmuster“ gelesen – jetzt will sie sehen, ob sich die Erinnerung verändert beim Wiederkommen. Sie fährt mit ihrer Tochter nach Schivelbein in Pommern. Das liegt jetzt in Polen. Die Tochter ist enttäuscht, sie wohl auch. Ihre Kindheitswelt war doch viel größer gewesen – und so heil.

Sie stehen vor dem Haus, das einst dem jüdischen Getreidehändler Joseph Mannheim, seiner christlichen Frau Erna und ihr gehörte. Einst war es voller Dienstpersonal, und alles gab es doppelt, vor allem die Feiertage. Einmal christlich, einmal jüdisch. Für sie, hoffte Gisela, gab es alles doppelt.

Und nun sah sie dieses Haus und die aufgebrochenen Gräber auf dem Jüdischen Friedhof von Schivelbein. Im krisengeschüttelten Polen der 80er Jahre war das Gerücht aufgekommen, die Nationalsozialisten hätten auf dem Rückzug ihr Hab und Gut, das sie nicht mehr mitnehmen konnten, in jüdischen Gräbern versteckt.

War es ein Fehler zurückzukommen?

Gisela Mannheim weiß nicht genau, wann sie zum ersten Mal spürte, dass nicht alles doppelt war für sie. Eher war es halb. Oder noch viel weniger. Vielleicht bekam ihre Welt den ersten Riss, als ihr Lehrer sie auf die „Judenbank“ setzte, zusammen mit drei Freundinnen. Oder war es, als die SA ihren Vater auf dem Schivelbeiner Marktplatz zusammenschlug und sie zusah? War es, als sie Mitte der dreißiger Jahre aus dem schönen Haus ausziehen mussten, weil die Schivelbeiner fanden, dass Juden nicht in so großen Häusern wohnen sollten? Oder war es, als sie plötzlich allein auf der Judenbank saß, weil ihre Freundinnen weg waren. Ausgewandert nach Brasilien oder in ein anderes Nicht-Schivelbein. Es ist alles eindeutiger, wenn man nicht „halb“ ist wie sie. Nichts war mehr doppelt für Gisela, schon lange nicht mehr.

Am Morgen des 10. November 1938 standen zwei SA-Leute vor der Tür der Mannheims. Sie hätten hier, sagten sie und zeigten auf einen Gewehrlauf, „eine Kugel für den Juden Mannheim“. Giselas Mutter stand in der Tür und antwortete mit der überlegenen Kälte, die Menschen manchmal haben, wenn sie wissen, dass alles verloren ist: „Da hätten Sie aber früher aufstehen müssen! Der ist weg!“ Die SA zog weiter, einen anderen zu erschießen. Und Joseph Mannheim, noch längst nicht weg, lief mit seiner Tochter durch die Gärten zum Bahnhof. Diesen Weg „hintenrum“ kannte sie besser als der Vater.

Die Familie folgte ihm nach Berlin. Die Anonymität der großen Stadt schützte, regelmäßig trafen Pakete von der christlichen Verwandtschaft ein. Bald war auch die Farm in Brasilien gekauft, die Visa waren beantragt – aber sie kamen nie.

Joseph Goebbels versprach, Berlin „judenrein“ zu machen, und so fand sich die Familie Mannheim 1942 plötzlich in der Großen Hamburger Straße wieder, in der Sammelstelle für den Transport in die Lager. Das Mädchen lief durch das Haus und brüllte die Gestapo-Männer an: Was die für einen Ärger kriegen würden, wenn das rauskäme! Arier verhaften und in die Lager schicken! Man sei „versippt“ bis in die höchsten Kreise. Das war gelogen, wirkte aber. Gisela hatte vor Entrüstung ihre Angst glatt vergessen. Die Gestapo-Männer wussten , dass es für das, was sie taten, keine gesetzliche Grundlage gab. Noch nicht. Die Gestapo ließ die Mannheims nicht einfach laufen – sie brachte sie nach Hause. Nicht aus Höflichkeit, sondern weil sie die Wohnung entsiegeln musste. Aber das war nicht mehr nötig, das hatten die Nachbarn schon getan. Es war seltsam: Auch wenn keiner von den Lagern gewusst haben will – dass nicht wiederkommt, wer so abgeholt wird, schienen alle zu wissen.

Manchmal gab sich das Leben fast den Anschein, als sei es normal. Ihr Vater musste als Mann einer „arischen“ Frau nur bei der Zwangsarbeit den gelben Stern tragen. Auch an der Wohnungstür der Mannheims fehlte er, und Gisela Mannheim durfte eine kaufmännische Lehre machen. Nach Feierabend ging sie oft auf dem Jüdischen Friedhof spazieren, schon weil Juden die Parks und Plätze verboten waren. Sie fand den Friedhof auch schöner. Hier war sie ganz.

Dann kam Arno, der Goldwasserbrennerfabrikantensohn aus Neustadt, Westpreußen. Hatte sie sich je so „halb“ gefühlt? Er musste „es“ wissen, sofort. Und der Frontsoldat und Abkömmling einer Spirituosendynastie antwortete das ganz und gar Erstaunliche: „Das ist mir egal.“

Februar 1943. Es ist klirrend kalt in Berlin. Ein junger Mann in Wehrmachtsuniform, ein junges Mädchen, dessen Schwester und Mutter biegen in die Rosenstraße, Berlin-Mitte, ein. Da stehen hunderte Menschen, meist Frauen, vor dem ehemaligen Wohlfahrtsamt der Jüdischen Gemeinde, das jetzt Gefängnis ist. Sie rufen: „Wir wollen unsere Söhne und Männer wiederhaben!“

Am Morgen des 27. war Gisela gleich wieder nach Hause geschickt worden. Da sei etwas im Gange. Als sie zu Hause ankam, war ihr Vater, der mit hohem Fieber eigentlich im Bett lag, bereits weg. Die Gestapo hatte den „arisch-versippten“ Juden abgeholt. Nun standen sie hier in der Rosenstraße. Wann würde die Gestapo sie auf Lastwagen abtransportieren lassen? Es ist der einzige öffentliche Massenprotest gegen die Deportationen während des Nationalsozialismus. Nach knapp einer Woche haben die Frauen, haben Gisela und Arno gesiegt. Joseph Mannheim wird als einer der letzten entlassen.

Gisela Mießners Tochter wird sich später fragen, warum die Nationalsozialisten letztlich vor diesem schwächsten aller nur denkbaren Gegner kapitulierten. Vor allem aber: Warum hat, als sie selbst Kind war, Gisela Mießner nie über diese Februarwoche gesprochen? Warum erst, als sie für einen großen Dokumentarfilm vor der Kamera stand und Margarethe von Trotta ihren Rosenstraßen-Film auch nach ihrem Zeugnis drehte?

April 1945. Die Familie lebt schon seit Tagen in dem großen Bunker unterm Alexanderplatz, seine Größe gewährt Anonymität. Das Mädchen überlegt, ob sie Kommunistin werden soll. Sie kennt welche, die sind jung wie sie, die kämpfen, die wissen, warum sie verfolgt werden. Wenn sie hier je rauskommen sollte, macht sie das auch. Den Platz über ihnen behaupten abwechselnd die Russen und Hitlers letztes Aufgebot, als die SS noch einmal den Bunker betritt. Ihre letzten Kugeln, sagt die SS, hat sie für die letzten Juden aufgehoben. Ein Mann wird hochgerissen, und er zeigt in Todespanik auf Giselas Vater: „Der auch! Der ist auch einer!“

Am 30. April 1945 ziehen Gisela und ihre Mutter einen Handwagen durch das brennende Berlin. Die Mutter hat der Tochter noch einmal den gelben Stern angenäht. Diesmal zum Schutz. Sie hören nichts als Schüsse und die Schreie der vergewaltigten Frauen, sie sehen ringsum „Volksverräter“ hängen. Im Handwagen liegt ihr schwer verwundeter, ohnmächtiger Vater. Die Russen entreißen ihm den bis eben bewahrten goldbestickten Gebetsschal, aber sie rühren die Frauen nicht an. Macht das der gelbe Stern? Sie erreichen das Krankenhaus Friedrichshain. Dem Vater wird ein Bein amputiert. Am fünften Tag des Friedens erliegt Joseph Mannheim seinen Verletzungen. Arno fällt in den letzten Kriegstagen.

Gisela Mannheim ist zwanzig Jahre alt und will nicht mehr Kommunistin werden. Sie hat die Kommunisten von Nahem gesehen. Am 1. September 1945 tritt sie der SPD bei. In der Urabstimmung zur Vereinigung von KPD und SPD stimmt sie mit „Nein“. Der unter sowjetischer Verwaltung stehende Ost-Berliner „Konsum“ entlässt seine Mitarbeiterin.

Gisela Mannheim heiratet den SPD-Sekretär von Berlin-Weißensee Herbert Mießner. Am 9. Mai 1953 schlagen ihn Männer mit der Brechstange nieder und zerren ihn in ein Auto. Dieselbe ohnmächtige Frage wie am 27. Februar 1943: Wo ist er? Nur wartet Gisela Mießner jetzt nicht auf ihren Vater, sondern auf ihren Mann. Und diesmal dauert die Ungewissheit länger. Herbert Mießner wird in Ost-Berlin wegen „nationalsozialistischer Propaganda“ und der Verbreitung von „Hetzschriften“ zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Die „Hetzschriften“ sind die Zeitungen der Berliner SPD. Die SPD ist zu diesem Zeitpunkt auch noch in Ost-Berlin eine legale Partei.

1956 wird Herbert Mießner aus dem Zuchthaus Rummelsburg entlassen. Tage später fährt die Familie mit der S-Bahn nach West-Berlin, für immer. Das Bundesverdienstkreuz erhält seine Frau Jahrzehnte später auch für ihre Arbeit als Berliner SPD-Frau.

Was ist gelingendes Leben? Wenn es Ringe bildet, wenn Kreise sich schließen und immer neue sich öffnen. Das erleben nicht viele Menschen, Gisela Mießner hat es erlebt. Sie kehrt noch einmal nach Schivelbein zurück, und der einst verwüstete Jüdische Friedhof liegt vor ihr wie ein Garten. In Israel findet sie die letzten Nachfahren der Familie Mannheim.

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