Wirtschaft : Gläubigerbanken entscheiden über die Zukunft des Konzerns - 70 000 Arbeitsplätze in Gefahr

Mit Beratungen der Gläubigerbanken ist das Ringen um die Zukunft des schwer angeschlagenen Philipp Holzmann-Konzerns am Sonntag abend in die alles entscheidende Runde gegangen. Ein Sprecher des Unternehmens äußerte die Erwartung, dass die Gespräche langwierig sein könnten. Vom Ausgang der Bankberatungen hängt ab, ob der Traditionskonzern an diesem Montag zum Konkursrichter gehen muss. Nach dem Vorstand hatte am Wochenende auch der Betriebsrat des Baukonzerns Hoffnung auf eine Rettung des Unternehmens geäußert. Der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Jürgen Mahneke sagte, die Belegschaft sei zu Opfern bereit. Aus Kreisen der beteiligten Banken wurden die Chancen einer Rettung zurückhaltend gesehen. Holzmann habe eine Überlebenschance von 40 Prozent, hieß es dort am Wochenende.

Vorstandschef Heinrich Binder hatte bereits zuvor erklärt, im Falle der Eröffnung eines Insolvenzverfahrens wären 28 000 Arbeitsplätze bei Holzmann sowie bis zu 40 000 weitere bei Zulieferern in Gefahr. Dem Konzern zufolge haben systematische Vertuschung und kriminelles Verhalten des früheren Managements zu einem Verlust von 2,4 Milliarden Mark geführt. Dies soll durch ein Sanierungsprogramm aufgefangen werden, das unter anderem den Abbau von mehr als 3 000 Arbeitsplätzen vorsieht.

Die Deutsche Bank hatte sich bereit erklärt, den Sanierungsplan mitzutragen, wenn dies auch die anderen Großkreditgeber tun. Streit unter den Banken gab es in der vergangenen Woche vor allem um den Sanierungsbeitrag der Deutschen Bank. Das Institut ist zweitgrößter Aktionär und größter Kreditgeber von Holzmann. Der Deutschen Bank wurde unter anderem vorgeworfen, sie habe das Sanierungskonzept diktiert. Auch der Landesparteitag der hessischen FDP hatte die Verantwortlichen der Bank am Wochenende aufgefordert, sich für die Rettung des Baukonzerns einzusetzen. Die Deutsche Bank habe 50 Jahre lang die unternehmerische Entwicklung von Holzmann geprägt. Daher habe sie in der aktuellen Krise für den Erhalt von Arbeitsplätzen und das Schicksal von über 300 Zulieferfirmen auch eine besondere Verpflichtung.

Deutsche-Bank-Sprecher Dierk Hartwig wies unterdessen am Sonntag Berichte zurück, wonach die Überschuldung früher hätte bekannt sein müssen und Binder sowie der Aufsichtsratsvorsitzende Carl von Boehm-Bezing Mitschuld an der Misere hätten. Das Magazin "Der Spiegel" hatte geschrieben, Unternehmensleitung und Kontrollgremien hätten seit Monaten Informationen über die tatsächliche Lage von Holzmann zurückgehalten. Der Vorstand sei seit 1998 von leitenden Mitarbeitern wiederholt vor unterbewerteten Risiken gewarnt worden. Im Mai habe die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG den Aufsichtsrat informiert, dass in diesem Jahr erneut Altlasten auftreten könnten.

Dem Spiegel zufolge erwägt die Commerzbank eine Strafanzeige gegen den Holzmann-Vorstand, weil noch drei Tage vor Bekanntwerden der Krise bei der Bank ein Kredit von 50 Millionen Mark abgerufen worden sei. "Wir sind verärgert, dass das quasi am letzten Tag vor der Zahlungsunfähigkeit geschehen ist", sagte ein Commerzbank-Sprecher am Sonntag. Ob die Commerzbank aber tatsächlich gegen Binder vorgehen werde, sei aber noch völlig offen.

Gesamtbetriebsratschef Mahneke sagte, wenn nicht überraschend Altlasten aufgetaucht wären, habe man das operative Geschäft 1999 wieder mit Gewinn abschließen können. "Wir sind für das Berliner Modell, das heißt sechs Prozent weniger Lohn bei einer auf 43 Stunden steigenden Wochenarbeitszeit. Wenn wir damit die Arbeitsplätze retten können, sind wir dazu bereit", sagte Mahneke.

Der Geschäftsführer der Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz, Klaus Nieding, warf dem früheren Holzmann-Vorstandsvorsitzenden Lothar Mayer vor, dass er nicht die Sorgfalt eines ordentlichen und gewissenhaften Vorstandes angewendet habe. Mitverantwortlich seien aber auch die heutigen Akteure Binder und Boehm-Bezing, weil sie entweder auf den falschen Wirtschaftsprüfer gesetzt oder den Dingen nicht gründlich genug auf den Grund gegangen seien.

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