Wirtschaft : Glamour vor Gericht

Am Montag beginnt in München der Prozess gegen die Haffa-Brüder – die Gründer von EM.TV waren einst gefeierte Stars des Neuen Marktes

Nicole Adolph,Henrik Mortsiefer

Von Nicole Adolph

und Henrik Mortsiefer

Im Rampenlicht stand Thomas Haffa schon immer gerne: ob bei glamourösen Auftritten in der Münchener Schickeria oder rauschenden Medienpartys auf seiner Yacht in Cannes. Am kommenden Montag kann sich der einst gefeierte Gründer und ExVorstandschef des Medienunternehmens EM.TV noch einmal der ungeteilten Aufmerksamkeit von Presse und Öffentlichkeit sicher sein. Dann müssen sich Thomas Haffa und sein Bruder Florian, ehemals Finanzvorstand bei EM.TV, als erste Manager des Neuen Marktes wegen Kursbetrugs vor der Wirtschaftsstrafkammer des Münchener Landgerichts verantworten.

Die Eckdaten des Prozesses lesen sich beinahe so spektakulär wie die Geschichte vom Aufstieg und Fall des Börsen-Shootingstars EM.TV: Allein die Anklageschrift umfasst 122 Seiten. Zu den Verhandlungen, die sich nach Angaben des Gerichts über Monate hinziehen könnten, ist eine illustre Zeugenschar geladen, darunter Medienunternehmer Leo Kirch und sein Vize Dieter Hahn. Neben ihnen sollen weitere Ex-Kollegen und Geschäftspartner der Haffa-Brüder aussagen.

Die Staatsanwaltschaft bezichtigt die Haffas, den Kurs der EM.TV-Aktie im Boomjahr 2000 mit falschen Prognosen in die Höhe getrieben und den Untergang der Firma verschleiert zu haben. Der Prozess gilt als Musterprozess: „Es gibt einige Punkte zu entscheiden, für die es noch keine obergerichtliche Rechtsprechung gibt", sagte Peter Noll, Staatsanwalt bei der Staatsanwaltschaft München I, dem Tagesspiegel. Im Falle einer Verurteilung wegen Kursbetrugs drohe den Managern eine mehrjährige Haftstrafe.

Kleinanleger hoffen auf Schadenersatz

Da die Richter juristisches Neuland betreten, stößt der Prozess bei Kleinanlegern, Aktionärsschützern und Juristen auf großes Interesse. Auch einstige Starmanager von Neue-Markt-Firmen wie Bodo Schnabel von Comroad und Michael Kölmel von Kinowelt dürften gespannt nach München blicken: Ihnen stehen bald selbst Prozesse bevor. Die größten Hoffnungen haben jedoch geprellte Anleger: Ihre Chancen, nach einer Verurteilung der Brüder zumindest einen Teil ihrer Kursverluste einklagen zu können, würden laut Aktionärsschützern deutlich steigen. Bisher hatten die Gerichte nahezu alle Schadenersatzklagen abgeschmettert.

Die ersten EM.TV-Aktionäre waren wegen des steilen Kursanstiegs der Aktie auf etwa 120 Euro innerhalb von zwei Jahren zu Millionären geworden; später verloren sie eine Menge Geld – der Gesamtschaden wird auf 250 Millionen Euro geschätzt. Heute ist die EM.TV-Aktie noch etwa einen Euro wert. Justizkreisen zufolge könnten die Hoffnungen der Aktionäre auf harte Strafen gegen die Haffa-Brüder jedoch enttäuscht werden.

Das im Juli verabschiedete Vierte Finanzmarktförderungsgesetz könnte den Haffas zu einer milderen Strafe verhelfen: Nach der neuen Regelung stehen auf Kursbetrug zwar bis zu fünf Jahre Haft; dafür ist die Tat nur dann strafbar, wenn dem Täter auch nachgewiesen werden kann, dass er durch falsche Angaben tatsächlich auf den Aktienkurs eingewirkt hat. Auf diese Neufassung berufen sich die Anwälte des Angeklagten. Falls die zuständige Staatsanwältin Huberta Knöringer diesen Beweis nicht erbringen kann, könnten die Haffas mit einer Geldstrafe von bis zu 1,5 Millionen Euro davonkommen.

„Wenn die Haffas nur mit einem Bußgeld bestraft würden, wäre dies rechtswidrig“, glaubt Rechtsanwalt Klaus Rotter. Er vertritt mit seinen Grünwalder Kanzleikollegen rund 600 verprellte EM.TV-Aktionäre. Für Rotter ist die Lage eindeutig: Thomas und Florian Haffa haben die dramatische Situation, in der sich EM.TV schon Mitte des Jahres 2000 befand, bewusst mehre Monate lang verschwiegen und die Anleger belogen. Für das Jahr 2000 hatten sie zunächst einen Gewinn vor Steuern und Zinsen von mehr als 300 Millionen Euro angekündigt. Alles laufe „super", so ließ sich Haffa damals in zahlreichen Zeitungsinterviews zitieren. Tatsächlich machte der Konzern aber rund 1,4 Milliarden Euro Verlust. Erst im Dezember 2000 räumte der Vorstand kleinlaut ein, bei Neuerwerbungen seien „Fehlbuchungen" aufgetaucht. Die Gewinnprognose wurde von 270 auf 25 Millionen Euro korrigiert – die Aktie stürzte ab.

„Es liegt klar auf der Hand, dass diese Verschleierung den Aktienkurs beeinflusst hat", so Anlegeranwalt Rotter zur Beweislage. „Schließlich fiel der Kurs in den Tagen nach der Bekanntgabe der drastisch gesenkten Gewinnprognose um mehr als 60 Prozent." Bei EM.TV träfen „aktives Lügen und passives Unterlassen" aufeinander. Aus Sicht des Rechtsanwalts ist „völlig ausgeschlossen, an der tatsächlichen Kursbeeinflussung durch das Unterlassen der Gewinnwarnung zum maßgeblichen Zeitpunkt zu zweifeln". Im Klartext: Sollte Haffa rechtskräftig dafür verurteilt werden, könnten Anleger in folgenden Schadenersatzprozessen auf den Richterspruch im Strafprozess verweisen.

Angeklagte beteuern ihre Unschuld

Die Haffa-Brüder, die vehement ihre Unschuld beteuern, wollen vor Gericht umfangreich zu den Vorwürfen Stellung nehmen. Sie werden dann noch einmal die Erfolgsgeschichte von EM.TV aufrollen, die für das schillernde Brüderpaar kein Happy-End bereit hielt: Die beiden braun gebrannten Sunnyboys brachten ihre 1989 gegründete EM.TV im Oktober 1997 als erstes Medienunternehmen an den Neuen Markt. Der ehemalige BMW-Lehrling und Schreibmaschinen-Verkäufer Thomas Haffa kaufte sich mit Schwindel erregenden Summen in die Formel 1 und ins Kinderfernsehen ein und erwarb den Muppets-Produzenten Jim Henson Company.

Statt in die erste Medienliga aufzusteigen, rutschte EM.TV in die Schuldenfalle. Der jetzige EM.TV-Chef Werner Klatten, der Thomas Haffa im Sommer 2001 ablöste, 25 Prozent der Unternehmensanteile erwarb und nun versucht, EM.TV zu sanieren, will im Falle einer Verurteilung der Haffas prüfen, ob EM.TV Forderungen gegen das ehemalige Management geltend machen kann.

Jetzt ist Klatten damit beschäftigt, das defizitäre Unternehmen auf sein Kerngeschäft Rechtehandel und Merchandising zurechtzustutzen und kostspielige Beteiligungen wie Jim Henson zu verkaufen. Langfristig will Klatten auch den Namen EM.TV ändern, der zum Synonym für die Kapitalvernichtung am Neuen Markt geworden ist. Alle dunklen Flecken aus der Haffa-Zeit wird Klatten aber so schnell nicht loswerden: Thomas Haffa ist mit einem Anteil von 17,5 Prozent noch einer der größten EM-TV-Aktionäre.

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