Wirtschaft : Glaube, Liebe, Kohle

Berlin kann vom Papst viel lernen. Wie man seinen Haushalt saniert, zum Beispiel. Eine himmlische Bilanz

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Besuchermagnet. Die Sixtinische Kapelle ist eine wichtige Einnahmequelle des Vatikanstaats. Foto: picture-alliance/ dpa
Besuchermagnet. Die Sixtinische Kapelle ist eine wichtige Einnahmequelle des Vatikanstaats. Foto: picture-alliance/ dpaFoto: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Endlich hat der Vatikan sein Geld zurück. Neun Monate lang hat er die italienische Justiz angefleht, mit der Bankenaufsicht verhandelt, Unschuld beteuert und Besserung gelobt. 23 Millionen Euro hatte die Staatsanwaltschaft im September 2010 gesperrt: Verdacht auf Geldwäsche. Um Aufträge bemühte Bauunternehmer hatten Schwarz- und Bestechungsgeld in der Vatikanbank versteckt – auf dem Nummernkonto eines Priesters zum Beispiel, den sie „Don Bancomat“ nannten, oder über einen Spitzenfunktionär des italienischen Staates, der als führender „Immobilienberater“ und „Ehrenmann des Papstes“ gleichzeitig im Vatikan saß und damit nach beiden Seiden klüngeln konnte.

Der Skandal harrt zwar noch der endgültigen gerichtlichen Klärung, aber Papst Benedikt XVI. hat bereits mit ungeahnter Härte durchgegriffen. Er schickte seinen „Ehrenmann“ in die Wüste und erließ für den Vatikan eines der härtesten Gesetze gegen die Geldwäsche, das die Welt kennt. Seit April ist es in Kraft – und nachdem sie sich von der Ernsthaftigkeit der päpstlichen Bemühungen überzeugt hatten, gaben Italiens Gerichte die 23 Millionen Euro wieder frei.

Die Vatikanbank, genauer: das Institut für Religiöse Werke (IOR) galt bisher als eine der geheimsten Einrichtungen der Weltfinanz. Sie veröffentlicht keine Bilanzen; über ihre Rücklagen (fünf Milliarden Euro? eine Tonne Gold?) gibt es nur Schätzungen, genauso wie über die Zahl der Kunden, die wohl mehrheitlich aus Kirchenpersonal, Diözesen und Orden bestehen. Die steuerfreien Gewinne des IOR kann der Papst frei von Rechenschaftspflichten verwenden. Die strikte Geheimpolitik hat es der Vatikanbank auch ermöglicht, über alle politische Schranken und Kontrollen vorbei weltweit Christen zu unterstützen – in Regimen beispielsweise, wo die Kirche bedroht ist, oder beim Aufbau der polnischen Gewerkschaft Solidarnosc von 1980 an. Jetzt aber soll die Vatikanbank mit internationalen Kontrollbehörden zusammenarbeiten, wenn es um die Bekämpfung von Finanzkriminalität und Terrorismus geht; diese nämlich – so Benedikt XVI. – bedrohen den Weltfrieden. Und natürlich, so fügt Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone hinzu, darf der Vatikan die vom eigenen Chef gepredigten „Prinzipien der Sozialethik, Transparenz, Ehrlichkeit und Verantwortung niemals außer Acht lassen“.

Die Grauzone international anrüchiger Finanzparadiese hat der Vatikan also verlassen. Und jetzt, nach drei roten Jahren, ist der Zwergenstaat auch noch sein Haushaltsdefizit los geworden. Nach den gerade vorgelegten Zahlen hat der Heilige Stuhl – bilanztechnisch sind das der Papst, die Kurie und sonstige Einrichtungen der weltweiten Kirchenleitung – im Jahr 2010 einen Überschuss von 9,85 Millionen erzielt. Die Einnahmen lagen bei 245,2 Millionen Euro; ausgegeben wurden 235,35 Millionen Euro. Am teuersten war dabei das Personal: Die Kirchenleitung beschäftigt 2806 Personen. Das sieht schon besser aus als die Bilanz 2009, als der Heilige Stuhl einen Verlust von 4,2 Millionen Euro verzeichnete. 2007 waren es sogar neun Millionen Euro Miese.

Noch glänzender als der Heilige Stuhl indes präsentiert sich der Vatikanstaat, praktisch Benedikts „Kommunalverwaltung“, die getrennt von der Weltkirchenleitung bilanziert. Sie behielt 2010 bei Einnahmen von 255,9 Millionen Euro und Ausgaben von 234,85 Millionen Euro einen Gewinn von mehr als 21 Millionen in der Kasse. Die „Kommunalbilanz“ hat eine regelrechte Achterbahnfahrt hinter sich: Nach einem Überschuss von 6,7 Millionen Euro im Jahr 2007 stürzte sie 2008 in ein Loch von 15,3 Millionen Euro, sparte, sanierte und reformierte ihre Bürokratie aber so weit, dass sie 2009 die Hälfte dieses Defizits wieder hereinarbeitete.

Leider fällt die Veröffentlichung der Vatikanbilanzen von Jahr zu Jahr dürrer aus – so erklärt sich immer weniger, wie Rom zu seinen Einnahmen kommt. Der wohl größte Brocken war bisher der „Peterspfennig“. 2009 hat diese jährliche Kollekte bei den Gläubigen in aller Welt 57,8 Millionen Euro eingebracht. 2010 aber ist die Spendenbereitschaft um fast ein Viertel eingebrochen: Die neue Bilanz weist nur mehr 44,6 Millionen Euro aus. Zu den Ursachen gibt es keine Angaben: Sie können in der Wirtschaftskrise ebenso liegen wie in dem massiven Vertrauensverlust, den die katholische Kirche just im Jahr 2010 durch das weltweite Auffliegen unzähliger Missbrauchsskandale erlitten hat. Auf den ersten Spenderplätzen beim „Peterspfennig“ liegen traditionell die USA und Italien; an dritter Stelle stand – jedenfalls bis 2007, neuere Ranglisten gibt es nicht – Deutschland mit 2,8 Millionen Euro. Gerade in Deutschland aber geht die Spendenbereitschaft seit Jahren stetig zurück; das Jahr 2010 mit seinen Zehntausenden von Kirchenaustritten dürfte den historischen Tiefpunkt darstellen.

Was die Spenden vermissen lassen, das schießt in wachsendem Umfang die Vatikanbank aus ihren Finanzgeschäften zu. Wie viel von seinen sprudelnden Überschüssen das IOR dem Papst „schenkt“ - so der offizielle Ausdruck – ist erst seit vergangenem Jahr bekannt. 2009 hat das IOR demnach 50 Millionen Euro „zu den religiösen Tätigkeiten des Heiligen Vaters“ beigesteuert. 2010, während weltliche Banken ächzten und seufzten, schüttelte das IOR gar zehn Prozent mehr, also 55 Millionen Euro, aus dem Ärmel.

Ferner „sollen“ die Bischöfe der Welt – laut Kirchenrecht – „aufgrund des Bandes der Einheit und der Liebe gemäß den Möglichkeiten ihrer Diözese“ den Dienst des Papstes mitfinanzieren. Im Jahr 2009 hat der Vatikan aus dieser Bestimmung 22,1 Millionen Euro gewonnen; 2010 waren es nur mehr 18,8 Millionen Euro. Den Spitzenplatz bei diesen „Unterstützungszahlungen“ nimmt das kirchensteuerreiche Deutschland ein. Es steuerte 2007 ein Drittel zu den Jahreseinnahmen von 20,7 Millionen Euro bei; neuere Ranglisten liegen nicht vor.

Zu den herausragenden Einnahmequellen des Papstes zählen auch die Vatikanischen Museen: 4,4 Millionen Besucher waren es 2009, dieses Jahr werden sich den Schätzungen zufolge fünf Millionen durch die Sixtinische Kapelle zwängen. Gewinn bringt auch der Verkauf von Briefmarken und Münzen. Bedeutend sind die Einnahmen aus den Immobilien. „Die Kirche“ in verschiedenen Gliederungen ist mit Abstand größter Grund- und Hauseigentümer in Rom. 2007 hat der Vatikan daraus 36,3 Millionen Euro bezogen. Neuere Zahlen fehlen.

Und dann arbeitet der Chef auch noch eigenhändig. Sämtlicher Gewinn aus den Büchern, die Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. schreibt oder je geschrieben hat, fließt dem Vatikan zu. Wenig kann das nicht sein: Allein die beiden Jesus-Bücher und der Interviewband „Licht der Welt“ galten international als Bestseller.

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