Wirtschaft : Glaubwürdigkeit auf dem Tiefpunkt

Wenn Alan Greenspan beschuldigt würde, einen großen Teil der Zentralbankreserven in einer Firma im Steuerparadies auf den Seychellen deponiert zu haben, würde man annehmen, es handele sich um die Pointe eines weiteren Witzes über steife Zentralbankiers.Jedermann weiß, daß sie nicht gerade potentielle Verdächtige für ein Milliarden-Dollar-Ding im Zusammenhang mit den Schatzreserven eines Landes sind.Nimmt man jedoch statt Greenspan den russischen Zentralbankchef, dann wird auf einmal alles plausibel.

Eines der zahlreichen Probleme mit Rußland ist heute, daß es schwierig ist, zu wissen, was man glauben kann, und herauszufinden, wer verantwortlich ist.Niemand hat angenommen, daß die Enthüllungen zu Beginn des Monats, wonach einige der Reserven Rußlands auf der britischen Insel Jersey gelandet sein sollen, ein Scherz sind.Diese Behauptung wurde von dem russischen Ankläger General Juri Skuratow aufgestellt, der einen Tag, nachdem er die Bombe platzen ließ, zurücktrat - angeblich wegen Herzproblemen.In einem Brief an die Duma vom 1.Februar behauptete Skuratow, daß die russische Zentralbank von 1993 bis 1997 50 Mrd.Dollar der harten Währungsreserven des Landes und der Kredite des Weltwährungsfonds in die Hände der Financial Management Co., kurz Fimaco, mit Sitz in Jersey gegeben habe.Skuratow behauptete weiter, die Zentralbank habe illegal russische Aktiva ins Ausland verkauft.Der Zentralbankchef Viktor Gerashchenko stritt die Beschuldigungen anfangs ab und warf Skuratow vor, das Ansehen der Bank in den Dreck ziehen zu wollen (als ob noch etwas da wäre, das in den Dreck gezogen werden könnte).

Wie dem auch sei, der frühere Zentralbankchef Sergei Dubinin - der Verantwortliche für den freien Fall des Rubel im August - hat nun einen Brief veröffentlicht, der von seinem früheren Stellvertreter Sergei Aleksashenko mitunterzeichnet ist, in dem er zwar die Existenz der Firma in Jersey bestätigt, aber jedes Fehlverhalten abstreitet.Fimaco, sagt er, sei 1990 gegründet und 1993 in Betrieb genommen worden, um die Reserven vor ausländischen Gläubigern zu schützen.Dubinin behauptet in seinem Brief, daß die Firma nie mehr als die 1,4 Mrd.Aktiva besessen habe, die dort 1994 deponiert worden seien.Es ist schwer, ein legitimes Interesse der russischen Zentralbank auszumachen, die Reserven des Landes - sicher vor jeder Kontrolle - in einer Offshore-Firma zu deponieren.Wer hatte Zugriff auf das Geld und wozu wurde es verwendet?

Die Enthüllung legt natürlich nahe, daß die Institution, die für die Verwaltung des Rubel verantwortlich war, sich zu großer Unabhängigkeit erfreute.Die Rechtfertigung, daß das Geld dem Zugriff ausländischer Gläubiger entzogen werden sollte, ist bestenfalls unaufrichtig.Die ausländischen Gläubiger haben sich - bis das Faß im August überlief - förmlich überschlagen, die Kredite an Rußland auszuweiten.Während die Anwälte in Jersey bestätigen, daß es für einen Gläubiger sehr schwierig sein werde, mit Hilfe eines Gerichts in Jersey das Geld der russischen Zentralbank zu pfänden, ist es noch unwahrscheinlicher, daß ein russisches Gericht Geld der Zentralbank freigeben würde, das in Rußland deponiert ist.

Kurz gesagt: die offizielle Erklärung ist unzulänglich.Das Unglaubliche zu glauben ist in den meisten Bereichen russischer Politik zu einer verläßlichen Maxime geworden.Deshalb ist der unbewiesene Bericht des Sunday Telegraph beunruhigend, wonach Rußland plant, unter Verstoß gegen das UN-Embargo militärische Ausrüstung an den Irak zu verkaufen.Der russische Außenminister Igor Ivanow hat es bestritten.Offizielle britische und amerikanische Stellen haben erklärt, sie wüßten nichts von derartigen Geschäften.Dennoch ist unschwer zu erkennen, warum der Bericht letztendlich plausibel erscheint.

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