Global Solutions : Die Gesellschaft zusammenhalten, das Klima retten

Viel Prominenz bei der G-20-Konferenz der Denkfabriken in Berlin. Und ein Geist von Widerstand nach dem G-7-Gipfel in Sizilien. Wir schaffen das - trotz Trump.

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Wie macht man die Welt besser? Experten beraten darüber beim Think 20 Summit „Global Solutions“ in der ESMT Berlin.
Wie macht man die Welt besser? Experten beraten darüber beim Think 20 Summit „Global Solutions“ in der ESMT Berlin.Foto: Thilo Rückeis

Eigentlich illustrieren die bunten Fenster im ehemaligen Staatsratsgebäude der DDR die Geschichte der Arbeiterbewegung. Doch nach dem gescheiterten G-7-Gipfel in Sizilien und der Weigerung des US-Präsidenten Donald Trump, sich am globalen Klimaschutz zu beteiligen, kann man die Botschaft des Künstlers Walter Womacka auch anders lesen. „Trotz alledem“ steht auf einem der bunten Glasquadrate, das an diesem Montag 700 Wissenschaftler, Politiker, Verbandsvertreter und jede Menge junger Leute aus aller Welt auf dem Weg zur „Global Solutions Konferenz“ passieren. „Trotz alldem“ ist der Geist, der an diesem Montag durch die Managementschule ESMT schwebt, die in das einstige Staatsratsgebäude gezogen ist und den zweitägigen Gipfel der Think Tanks, der Denkfabriken, für die deutsche G-20-Präsidentschaft beherbergt.

Think Tanks sollen Lösungen für die globalen Probleme liefern

Nichts weniger als Lösungen für die großen Probleme der Welt sollen die Wissenschaftler liefern. In Zeiten wie diesen ist wissenschaftlicher Input ganz besonders wichtig, betont Dirk Messner vom Deutschen Institut für Entwicklungspolitik. Er leitet gemeinsam mit Dennis Snower, dem Präsidenten des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel, die „T 20“ genannte Konferenz. Der Tagesspiegel zählt zu den Mitorganisatoren. „Wissenschaftlich fundierte Fakten sind wichtig, wenn einige Politiker ihre eigenen Fakten kreieren“, sagt Messner. Die Sorge ist ihm deutlich anzumerken, vor allem die um das Klima. Wenn die Welt es jetzt nicht schaffe, die Klimaziele einzuhalten, dann „wird das schwer zu korrigieren“, warnt Messner.

Snower hat Angst vor dem Zerfall der Gesellschaften

Snower, der Ökonom, sorgt sich um den Zusammenhalt der Gesellschaften. „Sozialer Fortschritt geht nicht mehr einher mit wirtschaftlichem Fortschritt“, gibt der IfW-Präsident zu bedenken. Das führt zu Unzufriedenheit, dem Verlust an gesellschaftlichem Zusammenhalt und endlosen Konflikten. „Wir müssen es möglich machen, dass die Menschen ein erfülltes Leben führen“, mahnt Snower. Dazu gehört auch die Sicherheit des Arbeitsplatzes. Dass Menschen Angst haben, ihre Arbeit an Maschinen zu verlieren, kann Snower nachvollziehen.

Die Menschen brauchen Werte und Visionen, meint Frank Appel, Vorstandsvorsitzender der Deutsche Post DHL AG.
Die Menschen brauchen Werte und Visionen, meint Frank Appel, Vorstandsvorsitzender der Deutsche Post DHL AG.Foto: Boris Roessler/dpa

Post-Chef Appel: Die Menschen brauchen ein Ziel

Post-Chef Frank Appel sieht das anders. Die Digitalisierung, so glaubt der Konzernchef, werde keine Jobs vernichten, sondern für die nötige Produktivitätssteigerung sorgen, ohne die Wachstum nicht denkbar ist. Aber auch Appel sieht die Gesellschaft in der Krise, in der Vertrauenskrise. Obwohl die Politik zahlreiche Vorhaben umgesetzt und die Wirtschaft viele Jobs geschaffen habe, herrsche in der Gesellschaft großes Misstrauen. „Eine merkwürdige Situation“, nennt der Post- und DHL-Chef das. Den Menschen fehle eine klare Vision, wie es weitergehen soll. Die will Appel seinen Mitarbeitern geben. Wichtig seien Kernwerte und ein Ziel, beim Post-Konzern seien das Respekt den Kunden, der Gesellschaft und den Beschäftigten gegenüber sowie „results“, also gute Unternehmensergebnisse. Neben der Identifikation mit dem Unternehmen ist auch Bildung einer der Schlüssel, meint Appel. Gabriela Ramos von der OECD kann das nur bestätigen. „Wer aus einer armen Familie kommt, hat kaum Aufstiegschancen“, mahnt sie. Ein Problem, das viele Menschen betrifft. 40 Prozent der Weltbevölkerung sind abgehängt, berichtet die Meikanerin, in ihrem Land sei sogar die Hälfte arm.

Brauchen wir eine Ökonomie des Gemeinwohls?

Dass die Menschen unzufrieden sind, führt Christian Felber auf die wachsende Ungleichheit zurück, etwa auf Managergehälter, die in keinem Verhältnis zum Verdienst der Belegschaft stehen. Der Buchautor plädiert für eine Ökonomie, die stärker auf das Gemeinwohl abhebt. 400 Unternehmen hat er schon dafür gewinnen können, bei ihren Bilanzen auch auf den ökologischen Fußabdruck und das Gehaltsgefälle im Betrieb zu achten.
Schwedens Arbeitsministerin Ylva Johansson setzt dagegen auf starke Gewerkschaften. In Schweden habe sich das bewährt, sagt sie. Auch bei der Integration von Flüchtlingen seien die Sozialpartner beteiligt, um den Geflohenen einen schnellen Eintritt auf dem Arbeitsmarkt zu ermöglichen. Johansson sieht die Entwicklung eher positiv: Die Flüchtlinge würden helfen, die demographischen Probleme des Landes zu lösen.

100 "Young Global Changers"

Vielfalt statt Einfalt, Miteinander statt Gegeneinander – die Lösung liegt in der Gemeinsamkeit, da sind sich alle einig. Zur Vielfalt tragen auch die 100 Stipendiaten aus aller Welt bei, die am „Young Global Changers“-Programm teilnehmen. Fahnen im Foyer der ESMT symbolisieren die jeweiligen Länder. Eine gewisse Heimattreue lässt sich aber trotz aller Internationalisierung nicht übersehen. Fürs Erinnerungsphoto posieren die Jungen am liebsten mit ihrer Heimatfahne.

G20-Beratung geht weiter

Mit dem Ende der deutschen Präsidentschaft ist die Arbeit nicht erledigt, das ist klar. Das IfW seine Politikberatung für die G20 daher über 2017 hinaus verstetigen. Das Kieler Institut hat dafür die Gründung einer „Global Solutions Initiative“ angestoßen mit dem Ziel, internationale Forschungsinstitute und Think Tanks für die Beratung der 20 größten Industrie- und Schwellenländer zu vernetzen. Kern der Initiative ist das Council of Global Problem-Solving (CGP), ein Zusammenschluss führender Forschungs- und Beratungseinrichtungen, die sich mit Fragen der G20 befassen. Das Sekretariat der Initiative wird an der Hertie School of Governance in Berlin angesiedelt, um die Nähe zu politischen Entscheidungsträgern sicherzustellen. Ziel der Initiative ist es, die wissenschaftliche Beratung der G20 zu bündeln, zu verstetigen und mit dem im Council versammelten Sachverstand zu vernetzen.

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