Globale Autoindustrie : Große Pläne für kleine Autos

Die deutsch-französisch-japanische Zusammenarbeit von Daimler, Renault und Nissan soll vor allem dem Stadtwagen Smart und seinen Nachfolgern helfen.

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Berlin/Paris - Daimler unternimmt einen neuen Anlauf, im Massenmarkt für Kleinwagen Fuß zu fassen. Die enge Zusammenarbeit mit dem französisch-japanischen Autohersteller Renault-Nissan, die an diesem Mittwoch bekannt gegeben werden soll, hat vor allem ein Ziel: Kosten beim Bau des Stadtwagens Smart sowie der künftigen A- und B-Klasse zu senken. „Daimler hat keine andere Wahl, wenn sich der Konzern gegen Kleinwagenwettbewerber wie Volkswagen behaupten will“, sagte Stefan Bratzel, Leiter des Center of Automotive der Fachhochschule Bergisch Gladbach, dem Tagesspiegel. VW stelle etwa zwei Millionen kleinere und mittelgroße Autos her, Daimler nur rund 200 000. Dies sei zu wenig, weil die Gewinnmargen im Kleinwagensegment mager seien. „Da kann es sich niemand leisten, alles alleine zu machen“, sagte Bratzel. Daimler hatte 2009 einen Nettoverlust von 2,64 Milliarden Euro ausgewiesen, bei Renault lag der Nettoverlust bei 3,1 Milliarden Euro.

Die länger erwartete Partnerschaft zwischen Daimler und Renault-Nissan soll auch durch eine Kapitalverflechtung untermauert werden. Nach „Handelsblatt“- Informationen hat sich die Allianz auf eine gegenseitige Kapitalbeteiligung von jeweils drei Prozent verständigt. Das Abkommen wird an diesem Mittwoch von den Unternehmen in Brüssel offiziell vorgestellt. Es sieht unter anderem eine gemeinsame Plattform für Daimlers Smart und Renaults Twingo vor.

Mit dem Smart verdient Daimler noch nicht allzu lange Geld. Erst im Zuge des Benzinpreisanstiegs und der Klimadiskussion hatte das kleine Auto neue Käufer gefunden. Den Nachfolger und eine Neuauflage des viersitzigen Smart allein zu entwickeln und zu bauen, wäre für Daimler aber extrem teuer. Deshalb hatte der Konzern bereits in der Vergangenheit Partner für eine gemeinsame Plattform oder für Motoren gesucht. Eine Zusammenarbeit mit dem Mini von BMW kam aber nicht zustande. Stefan Bratzel erwartet, dass Daimler auch die Motoren für den Smart künftig von Renault bekommt. Nissan und Renault sollen im Gegenzug von Daimler Motoren ab 1,6 Liter Hubraum sowie Dieselaggregate beziehen. Daimler wiederum erhält Zugriff auf die Elektroauto-Kompetenz des Partners, der seine ersten Serienfahrzeuge mit Batterieantrieb auf den Markt bringen will.

Der Renault-Verwaltungsrat beriet am Dienstag über die künftige Zusammenarbeit, wie Frankreichs Industrieminister Christian Estrosi sagte. Der französische Staat, der 15 Prozent an Renault hält, begrüße die Allianz. Die Politik will auf ihre Möglichkeiten der Einflussnahme auf die strategischen Entscheidungen des privatisierten Autokonzerns nicht verzichten. Estrosi machte am Dienstag klar, dass die Regierung mit Luc Rousseau, dem Generaldirektor für Wettbewerb, Industrie und Dienstleistungen im Finanzministerium, ein neues Mitglied in den Verwaltungsrat entsende, das die industrielle Strategie des Staats dort verteidigen werde. Neben Rousseau hatte die Regierung im Februar bereits Alexis Kohler, den stellvertretenden Direktor der Agentur für Staatsbeteiligungen als neuen Vertreter staatlicher Interessen für den Verwaltungsrat benannt.

Während die Regierung bis vor kurzem bei der Wahrnehmung ihrer Interessen bei Renault wenig aktiv war, besteht Präsident Nicolas Sarkozy seit Beginn der Krise darauf, dass sich die Vertreter des Staates mehr für die Durchsetzung seiner industriepolitischen Ziele engagieren. Renault-Chef Carlos Ghosn bekam dies zu spüren, als der Konzern kürzlich ankündigte, das Clio-Modell in der Türkei fertigen zu lassen. Präsident Sarkozy bestellte ihn umgehend in den Élysée-Palast ein. Seitdem sei das Projekt aufgegeben, berichtet die der Regierung nahe stehende Zeitung „Figaro“.

Den Willen zur stärkeren Einflussnahme rechtfertigt Paris mit den staatlichen Hilfen, die Renault zur Überwindung der Krise erhielt. Insgesamt handelt es sich um drei Milliarden Euro, die von 2011 bis 2014 zurückgezahlt werden müssen. Als Gegenleistung hatte sich Renault – ebenso wie der Konkurrent PSA – verpflichtet, während der Laufzeit der Kredite keine Fabriken in Frankreich zu schließen. Wie sich die Einflussnahme der Regierung auf die Allianz von Renault und Daimler auswirken wird, ist offen.

Die Renault-Aktie zählte an der Börse mit einem Plus von über zwei Prozent am Dienstag zu den Tagessiegern, Daimler-Titel bewegten sich hingegen kaum. Analysten äußerten sich positiv zu der Kooperation. mit HB

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