Wirtschaft : Globalisierung: Der andere Blick

Uwe Schlicht

Indien, das Land mit einer Milliardenbevölkerung, produziert mehr Ingenieure als die Vereinigten Staaten. Seine Computerspezialisten sind in aller Welt begehrt. Aber die Kehrseite ist genauso extrem: Indien hat immer noch eine so hohe Zahl von Analphabeten, dass die Aussage Gewicht hat: "Bildung darf nicht zum Monopoly-Spiel werden zwischen denen, die alle Chancen haben und denen, die keine haben." Das sagte Kumar Goel, Direktor des nationalen Instituts für Landwirtschaft in Hyderabad, auf der Bildungstagung der Alfred-Herrhausen-Gesellschaft der Deutschen Bank in Berlin. Für Indien ist es ein großes Problem, wie überhaupt die vielen Analphabeten auf dem Lande an die Bildung herangeführt werden können. Der Weg muss auch über die Familien und die Priester gehen - in Indien ist der wichtigste Ort der Erziehung immer noch die Familie mit der Mutter. Alle Modernität läuft dort ohne Verankerung in den Traditionen ins Leere.

Bildung über Hören und Sehen

Die Modernität sollen die neuen Medien vermitteln: "Cyber" nennt sie Kumar Goel und meint Kassetten mit Texten, Videos, Fernsehen und Radio - also Medien, die man hörend und sehend verstehen kann und die nicht von der Schrift leben. Aber dazu muss Indien erst in den kommenden fünf Jahren das erreichen, was es in den vergangenen fünfzig Jahren nicht geschafft hat: die vollständige Elektrifizierung des Landes.

Die Alfred-Herrhausen-Gesellschaft hat zu ihrer Bildungstagung bewusst auch Vertreter aus Asien, Afrika und Osteuropa eingeladen. Wen wundert es: Anthony Giddens optimistische Version der Welt des Internets, des Wettbewerbs und des Kosmopoliten bekam ein ganz anderes Gesicht. Anthony Giddens, Direktor der London School of Economics, nennt für die Industrienationen und Schwellenländer drei großen Herausforderungen: Die Globalisierung, den technologischen Wandel und die Zunahme der Individualisierung. Die Globalisierung ist für Giddens eng mit den weltumspannenden Kontakten über das Internet verbunden.

Eine weitere, typisch westliche Erfahrung, brachte Giddens mit dem Begriff der Individualisierung ins Spiel: Traditionen könnten die Menschen nicht mehr so binden wie früher. Die Menschen arbeiteten und lebten heute in der Regel nicht mehr an ihrem Geburtsort oder in dem Land, wo sie aufgewachsen seien. Als Folge werde die Elite kosmopolitisch sein in dem Sinne, dass sie die gebotene Toleranz verschiedenen Identitäten, Weltanschauungen, Kulturen, Nationen und Religionen entgegenbringen müsse. Das ist eine Herausforderung an Bildung und Erziehung.

Manches davon passt für Afrika, anderes nicht. "In Afrika geht es ums Überleben und nicht nur um eine Verbesserung der Bildungschancen", sagte David Simo, Sprachwissenschaftler aus Kamerun. Auf dem internationalen Markt seien die Länder Afrikas "nur eine marginale Größe - allenfalls Gäste, keine gleichberechtigten Partner". Die Afrikaner müssten in der Bildung zunächst die Analphabetisierung der Massen beenden, um ihnen überhaupt erst mit der Schreib- und Lesekenntnis die Voraussetzung zu geben, den Zugang zu den neuen Medien zu finden. Die Modernisierung, die durch die Globalisierung auch in Afrika Einzug halte, müsse verbunden werden mit der Förderung der eigenen Kultur, der Erschließung der eigenen Geschichte, damit die Afrikaner zum Selbstwert fänden. Simo beschrieb den Zustand der afrikanischen Kultur so: "Sie ist nicht souverän, sie ist ängstlich." Die Europäer, die gut funktionierende Produkte auf den Markt brächten, müssten lernen, mit den Afrikanern zu fühlen und "ihre Ideen und Erfahrungen mit uns auszutauschen - und uns nicht zu überwältigen."

Osteuropäer als Verlierer?

Der Balkan liegt uns näher als Afrika oder Indien, jedoch werden auch dort Globalisierung und Wettbewerb nicht euphorisch begrüßt. Warum sie eher mit Ängsten verbunden werden, schilderte Andrei Plesu, der einstige rumänische Außen- und Kulturminister und Gründer des New Europe College in Bukarest, einer Eliteschule für die Wissenschaftler. Gerade erst hat Rumänien 40 Jahre Erfahrungen mit Kommunismus und dem "Vorbild Sowjetunion" hinter sich - eine Zeit, die wenig Raum für die Bewahrung und Entwicklung der eigenen nationalen Kultur und Tradition bot - eine Zeit der verlorenen Identität. "Jetzt müssen wir zu möglichst viel Identität zurückfinden, wenn wir uns stabilisieren wollen. Die Globalisierung kann nur dann Erfolg haben, wenn sie Verschiedenheiten erträgt. Globalisierung darf für uns nicht zur neuen Ideologie werden", forderte Plesu.

Auf der anderen Seite ist der Erfolg im internationalen Wettbewerb ohne Eliten nicht denkbar. Andrei Plesu forderte daher für Rumänien eine Bildungsstruktur, "die uns nicht marginalisiert". Noch habe der Wettbewerb auf dem Balkan "einen schlechten Ruf", weil er die Osteuropäer zu Verlierern zu machen drohe. "Es ist schwierig für uns, im Wettbewerb zu gewinnen, wenn wir gerade erst das Laufen gelernt haben." Das sagt ein Mann, der am Wissenschaftskolleg in Berlin - und nicht nur dort - mit den Eliten der Welt zusammengetroffen ist und selbst zur Elite gehört.

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