Globalisierung : Überleben ohne „Made in China“

Alles fing mit Bergen von Weihnachtsgeschenken an: Wie die Amerikanerin Sara Bongiorni versuchte, ein Jahr lang die Globalisierung zu boykottieren.

Sonja Pohlmann
Made in China
Globalisiert gestrickt. Waren, die nicht in China hergestellt sind, sind kaum zu finden. -Foto: picture-alliance

Als sich Sara Bongiorni entschließt, China vor die Tür zu setzen, kniet sie vor zwei Bergen von Weihnachtsgeschenken. Auf dem einen stapeln sich Produkte, die aus China kommen. Auf dem andere Geschenke aus dem Rest der Welt. 25 zu 14 Stück, zählt Bongiorni. Der DVD-Player ist ebenso „Made in China“ wie das Gummispielzeug für den Hund und die Puppe für ihre Tochter Sofia.

Sara Bongiorni, die im US-Staat Louisiana wohnt und als Wirtschaftsjournalistin arbeitet, war neugierig geworden. Fast täglich konnte sie es lesen: Amerikanische Firmen verlegen ihre Produktion nach Asien, so dass Amerikaner ihre Jobs verlieren, China wird immer mächtiger und exportiert immer mehr Produkte in die USA. All das wollte sie an diesem zweiten Weihnachtstag selbst kontrollieren. Sie schaute auf die kleinen weißen Schilder und die Stempel der Geschenke, die Auskunft über deren Herkunftsland geben. Nach der Auszählung ist sie schockiert, wie breit sich das kommunistische Land in ihrem Haus gemacht hat. Deshalb wagt Bongiorni ein Experiment: Sie will mit ihrer Familie zwölf Monate Jahr ohne „Made in China“ leben. Am 1. Januar 2005 beginnt der Boykott, über den sie ein Buch geschrieben hat: „Ein Jahr ohne ,Made in China’“, heißt es und ist jetzt auf deutsch im Verlag Wiley erschienen.

Angesichts der zunehmenden Gewalt Chinas gegen die Tibeter in den letzten Wochen hat Bongiornis Idee an Aktualität gewonnen. Über einen Boykott der Olympischen Spiele in Peking als Druckmittel gegen die Regierung können nur Politiker und Sportfunktionäre entscheiden. Bongiornis Experiment zeigt, dass auch einzelne Familien Zeichen setzen können.

Keine Frage, China ist es egal, ob eine Familie wie die Bongiornis eine Puppe mehr oder weniger kauft – aber es geht um das Gefühl der Konsumenten, ihre wenige Macht bewusster einzusetzen.

Die Amerikanerin sah ihren Boykott aber nicht nur als politisches Statement. Sie wollte die Folgen der Globalisierung auf ihre Familie herunterbrechen und wissen, ob ein Leben ohne chinesische Erzeugnisse überhaupt noch möglich ist. „Wir tun immer so, als seien wir die Starken und würden China großartige Chancen bieten, seine Produkte bei uns abzusetzen“, sagt Bongiorni. „Dabei vergessen wir, dass wir es sind, die längst nicht mehr ohne China können.“

Die Regeln ihres Boykotts: Alle Dinge, die sich bereits im Haus befanden und mit „Made in China“ ausgezeichnet waren, durften weiter benutzt werden. Neue Produkte aus China waren jedoch verboten – eine Herausforderung, die den Konsum der Bongiornis mächtig durcheinander wirbelte. Fast überall steckt „Made in China“ drin: Kein Land produziert mehr Fernseher, DVD-Spieler, Handys, Schuhe, Kleidung , Glühbirnen oder Sportausrüstung. Mitunter kamen Bongiorni Zweifel. Schließlich profitieren die Chinesen davon, wenn sich ihr Land weiterentwickelt.

Tatsächlich wird in Amerika immer weniger industriell gefertigt. „Ausgedacht in America“ oder „Designed in America“ gibt es noch, „Made in Amerika“ aber ist selten zu finden. So schrauben Tausende Arbeiter in der sogenannten chinesischen iPod-City Apples populären Musikspieler zusammen. Auch Designer Ralph Lauren lässt seine teure Mode teilweise in China fertigen. Fast 100 Prozent der in den USA verkauften Puppen und Kuscheltiere kommen aus China, ebenso 95 Prozent aller Videospiele und Feiertagsdekorationen.

Stundenlang durchsuchten die Bongiornis daher die Geschäfte, um ihren Kindern trotzdem Spielsachen kaufen zu können. Oft wollte der damals vierjährige Wes nicht verstehen, warum er Dinge wie einen Plastikkürbis zu Halloween nicht haben durfte. „Einige Verkäufer dachten, wir seien verrückt“, erinnert sich Sara Bongiorni. Anstatt auf den Preis achtete sie immer zuerst auf das Label. Für Alltagsgegenstände wie Schrauben und Batterien schien es schlicht keine Alternativen zu geben. Nach Tagen fanden sie und ihr Mann Kevin Ersatz aus Mexiko. Einmal schmuggelte er ein paar Pinsel hinter ihrem Rücken ins Haus, er hatte die Sucherei satt. Andere Käufe mussten die Bongiornis bis zum Januar 2006 aufschieben. Sarah Bongiorni brauchte dringend einen neuen PC, aber ein Gerät ohne Teile aus China zu bekommen war unmöglich. Ein Freund warf ihr deshalb vor, China nicht wirklich boykottiert, sondern Käufe von chinesischen Produkten nur verzögert zu haben. „Und teilweise hat er Recht“, gibt Bongiorni zu.

Auch in Deutschland wäre ein solcher Boykott kaum möglich. China ist einer der wichtigsten Handelspartner – Waren im Wert von 54,6 Milliarden Euro wurden laut Statistischem Bundesamt 2007 aus China importiert, vor allem Computer und Bürogeräte, aber auch Fernseher, Radios, Batterien sowie Bekleidung. Nur aus Frankreich und den Niederlanden bezog die Bundesrepublik mehr Produkte.

Für die WDR-Sendung „Markt“ hat Familie Kaspers aus Dormagen das Bongiorni-Experiment im Februar 2008 nachgemacht – zwar nur einen Monat lang, dafür mit verschärften Regeln: Auch die bereits vorhandenen Produkte aus China durften die Kaspers nicht mehr benutzen. Das Telefon wurde abgeschaltet, ein altes Modell mit Batterie reaktiviert. Ihr Küchenradio ersetzten sie durch ein Uralt-Gerät mit Kurbel, das sie aus dem Keller kramten. Für ihren Sohn Maximilian mussten die Kaspers den Boykott sogar brechen. Der 16-jährige Schüler hätte sonst nicht mehr am Matheunterricht teilnehmen können, Taschenrechner gebe es nur „Made in China“, wie ein Besuch diverser Elektronikmärkte zeigte. „Wir waren wirklich überrascht, wie gering die Wahlmöglichkeiten trotz des großen Angebotes an Waren sind“, sagt Marita Kaspers. Entdeckten sie doch eine Alternative, sei die oft zu teuer gewesen.

Doch selbst wo „Made in Germany“ draufsteht, steckt nicht immer ausschließlich Deutschland drin, betont Christian Fronczak vom Bundesverband der Verbraucherzentralen. Werde ein aus China importiertes Produkt hierzulande weiter verarbeitet, stehe am Ende nur Deutschland als Verarbeitungsort auf der Verpackung. „Es gibt keine Kennzeichnungspflicht, und weil Produkte nun mal keinen Reisepass mit sich führen, mangelt es an Transparenz“, sagt er. Umso wichtiger sei es in der globalisierten Welt, Standards zu definieren und auch zu kontrollieren. „Es ist das gute Recht der Verbraucher, auch die ,inneren Werte’ des Produktes zu kennen“, findet Fronczak.

Sara Bongiorni kauft inzwischen zwar bewusster ein, will aber trotz der Gewalt in Tibet nicht auf chinesische Produkte verzichten. „Es ist einfach zu anstrengend“, sagt sie, glaubt aber: „Einigen Menschen vermittelt ein Boykott vielleicht zumindest das Gefühl, selbst etwas gegen die Diskriminierung tun zu können. Nur sollten sie vorher wissen, dass sich ihr Leben dadurch enorm ändern wird.“

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