Wirtschaft : Globalisierung: Unter Generalverdacht

Nicht lange nachdem die beiden Passagierjets am Morgen des 11. September in das New Yorker World Trade Center gerast waren, beschlich die Globalisierungskritiker rund um die Welt eine unheimliche Ahnung. "War es einer von uns?", lautete die bange Frage im Chatroom der Internet-Seite www.urban75.com , einem Forum der Globalisierungsgegner. Das Markenzeichen des weltweiten Kapitalismus amerikanischer Prägung - zerstört von den Gegnern der Globalisierung, als Fanal gegen das Diktat des Marktes? Die Bedenken verflüchtigten sich rasch, nachdem die US-Geheimdienste Osama bin Laden als Drahtzieher ins Visier genommen hatten. Die Online-Community atmete auf.

Trotzdem steht die Globalisierung seit dem 11. September unter Generalverdacht. Hat das weltweite Wohlstandsgefälle den Hass der Täter mit geschürt? Ja, findet Paul J. J. Welfens, Wirtschaftsprofessor an der Universität Potsdam. "Globalisierung ist eine wichtige Ursache von politischer Radikalisierung in armen Ländern. Der in den neunziger Jahren gewachsene Nord-Süd-Konflikt hat den politischen Eifer in vielen islamischen Staaten wachsen lassen." Auch die Organisationen der Globalisierungskritiker stimmen ein. "Sicherheit ist letztlich eine Frage der Gerechtigkeit", sagt Felix Kolb, Sprecher des Verbandes Attac. Und selbstverständlich seien auch Steueroasen am Entstehen von Terror-Organisationen schuld. Dort bauten Kriminelle mit Waffenhandel, Geldwäsche und Steuerflucht die Basis für ihre Verbrechen.

Der Markt hat wieder einen Gegner

Ohnehin sollte die Globalisierung zum beherrschenden Thema dieses Herbstes werden - das planten zumindest die Kritiker. Nach den von Protesten überschatteten Wirtschaftsgipfeln in Seattle, Prag, Göteborg und Genua wollten sie sich bei weiteren Treffen internationaler Wirtschaftsgrößen zu Wort melden - auf der Sitzung der EU-Wirtschafts- und Finanzminister in Lüttich oder der Jahrestagung von Internationalem Währungsfonds (IWF) und Weltbank, welche eigentlich für Ende September vorgesehen war. Sie fallen aus, weil die US-Polizei derzeit Wichtigeres zu tun hat als sich mit Demonstranten zu prügeln.

Trotzdem hat die Marktwirtschaft, elf Jahre nach dem Ende des Sozialismus, wieder einen ersten ernst zu nehmenden Gegner. Niemand spricht mehr vom Siegeszug des Kapitalismus. Noch vor eineinhalb Jahren galt er unter Experten als eine Art Perpetuum mobile: Die Weltwirtschaft boomte, Amerika erlebte den längsten Aufschwung seiner Geschichte, die Rezession schien ausgestorben, der Dow-Jones-Index stieg bis auf knapp 12 000 Punkte. Heute, während auf allen Kontinenten die Unternehmen tiefrote Zahlen abliefern, versinkt nicht nur die Ökonomie im Abwärtsstrudel. Auch moralisch steht die Globalisierung unter Beschuss - und das nicht nur wegen einer möglichen Mitschuld am Flugzeug-Terror.

Der beschleunigte Kapitalismus, so seine Kritiker, drückt weltweit die Sozialstandards, beutet Menschen aus, vernichtet durch Fusionen und Privatisierung Jobs, sorgt für eine ungerechte Wohlstands-Verteilung und ruiniert die Umwelt. Die Schuldigen sind bereits ausgemacht: multinationale Konzerne, Finanzspekulanten, Organisationen wie der IWF, die Weltbank oder die Welthandelsorganisation (WTO).

So bunt gemischt wie ihre Argumente ist auch die Herkunft der Globalisierungs-Kritiker: Christen, Anarchisten, Sozialisten, Gewerkschaften und Umweltschützer stehen in ihren Reihen. Und die Zahl der Skeptiker wächst - mittlerweile sind es Zehntausende. Nicht nur Nicht-Regierungsorganisationen wie Weed oder Attac verzeichnen einen starken Mitgliederzulauf. Auch im Bundestag finden ihre Argumente immer mehr Gehör. Selbst Staatslenker wie der französische Premier Lionel Jospin, Bundeskanzler Gerhard Schröder und Bundespräsident Johannes Rau wollen die Bedenken der Kritiker "ernst nehmen" und suchen das Gespräch mit ihnen.

Trotzdem stehen die Chancen nicht sonderlich gut, dass die Regierenden tatsächlich in das Räderwerk des Kapitalismus greifen. Eine Steuer auf Devisengeschäfte, wie sie die Globalisierungsskeptiker fordern, hat nicht einmal in der EU eine Chance. Die Entwicklungshilfe zu erhöhen traute sich die Schröder-Regierung bislang nicht. Und eine umfassende Öffnung der EU-Märkte für landwirtschaftliche Produkte aus der Dritten Welt liegt noch in weiter Ferne - Reis oder Zucker können Entwicklungsländer wegen der hohen Zölle in Europa nicht losschlagen. Allenfalls zu einem mäßigen Schuldenerlass für die ärmsten Länder konnten sich die Wirtschaftsnationen bislang durchringen.

Haben die Kritiker Recht?

Ohnehin streiten die Ökonomen darüber, wie stichhaltig die diffusen Argumente der Globalisierungskritiker sind. Haben nicht freie Märkte, Handel und Unternehmertum das Wohlstandsniveau in vielen Ländern angehoben? Und sind wirklich sämtliche Probleme der Entwicklungsländer auf die Globalisierung zurückzuführen? Armut, Krankheit, Hunger und mangelnde Bildung habe es schon vor dem jüngsten Globalisierungs-Schub gegeben, heißt es. Und die armen Länder tragen selbst ein gerüttelt Maß an Mitschuld - eine mangelhafte Rechtsordnung und Korruption verhindern eine Erholung.

Eine Steigerung des Globalisierungs-Tempos ist dennoch vorerst unwahrscheinlich geworden. Nicht nur die Kritik, auch die Konjunkturkrise, die sich durch die enge Verflechtung der Wirtschaftsblöcke schnell ausbreitete, und der drohende Krieg setzen den freien Märkten zu. Eine solche Entwicklung gab es schon einmal - mit weit reichenden Folgen. Denn die Globalisierung ist keine Erfindung des hochtechnisierten Kapitalismus. Schon einmal, zu Beginn des 20. Jahrhunderts, fielen vielerorts die Schranken für Güter und Kapital, neue Erfindungen wie Telefon und Telegraf sorgten für enorm beschleunigte Informationsflüsse - ebenso wie heute das Internet. Das ging gut bis zur ersten ernsthaften Krise: Als 1929 die Börsen kollabierten, ging auch das Zeitalter der Globalisierung zu Ende. Abschottung, Nationalismus, gegenseitiges Misstrauen und Krieg folgten. Eine Parallele zu heute?

Mit diesem Artikel startet der Tagesspiegel die Serie "Globalisierung - Fluch oder Segen für die Welt?". In der kommenden Woche: die Entwicklungsländer in der Schuldenfalle.

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