Wirtschaft : GM kauft sich von Fiat frei

Hinter vorgehaltener Hand ist von 1,5 Milliarden Euro die Rede, doch den Italienern nützt das wenig

Vincenzo Delle Donne

Turin - Es ist, als würde der selige Gianni Agnelli noch immer seine schützende Hand über den Turiner Autokoloss halten. Gewissermaßen vom Jenseits aus. Denn auf den Tag genau zwei Jahre nach dem Tod des Agnelli-Patriarchen schickt sich Fiat an, eine saftige Abfindung vom früheren Partner General Motors (GM) zu kassieren. Dafür, dass die Amerikaner nicht von ihrer im Jahr 2000 abgeschlossenen Kaufoption Gebrauch machen und Fiat seinem Schicksal überlassen.

Als Abfindung wird hinter vorgehaltener Hand die Summe von 1,5 Milliarden Euro genannt. Doch auch mit diesem unverhofften Geldsegen sieht die Turiner Autozukunft eher düster aus. Das Geld würde nicht einmal ausreichen, die Verluste der ersten neun Monate des vergangenen Jahres auszugleichen. Die betrugen 1,7 Milliarden Euro. Dazu kommen 1,4 Milliarden Euro für dringend notwendige Investitionen.

Im Laufe seiner mehr als drei Jahrzehnte währenden Fiat-Präsidentschaft hatte der „Avocato“ die Fiat-Gruppe aus allerlei Krisen herausgeführt, aber auch viele Rückschläge erlebt. Die Quintessenz aus dieser Zeit pflegte das charismatische Oberhaupt der Agnelli-Familie, der am 24. Januar 2003 verstarb, mit folgenden Worten zusammenzufassen: Ohne die Allianz mit einem anderen Autokoloss von Weltrang werde Fiat langfristig nicht zu retten sein. Deshalb machte sich der Fiat-Präsident auf die Suche nach einem passenden Partner.

Doch die Brautwahl erwies sich schwieriger als gedacht. Erst wollte man mit Volvo zusammengehen, dann mit Renault, dann war gar von Volkswagen die Rede. Bis Agnelli schließlich in den USA fündig wurde. Im März 2000 erhielt man die Zusage ausgerechnet von General Motors. Für den angeschlagenen italienischen Automobilbauer schien die Allianz eine glänzende Partie zu sein. Nicht nur, dass der amerikanische Autokoloss für 2,4 Milliarden Dollar zehn Prozent der Anteile an der Fiat Auto Holding erwarb. Nein, GM ging darüber hinaus auch eine sagenhafte Kaufoption für die restlichen 90 Prozent der Anteile in der Hand von Fiat Holding ein. Im Vertrag wurde der Kaufpreis auf mindestens 900 Millionen Euro und maximal drei Milliarden Euro festgelegt.

Am 24. Januar 2005, dem heutigen Montag, verlangt nun Fiat laut Vertrag von GM die Einlösung der eingegangenen Kaufoption. Doch die Amerikaner kaufen sich nun von jeglicher Verpflichtung frei. Sie wollen lieber in Peugeot investieren statt in Fiat. Bereits 2002 hatte GM in der Unternehmensbilanz den Wert ihrer Fiat-Anteile von 2,4 Milliarden Dollar auf 200 Millionen Dollar abgewertet. Vor Ablauf der Kauffrist bezifferten sie nun ihre Fiat-Anteile in der Unternehmensbilanz mit Null. Sie seien mittlerweile wertlos geworden. Die Fiat-Stammaktie ist inzwischen nur knapp neun Euro wert. In den vergangenen zehn Jahren hat sie mehr als 90 Prozent ihres Wertes eingebüßt.

Die „Scheidungsprozedur“, die in der Öffentlichkeit von den Akteuren sehr diskret verhandelt wurde, fochten beide Seiten mit harten Bandagen aus. Die Präsidenten beider Unternehmensgruppen zeigten sich dabei als virtuose Meister des Bluffs. Zuerst war Fiat-Holding-Präsident Sergio Marchionne am Zuge. Der Italo-Kanadier mit regen Geschäftsaktivitäten in der Schweiz signalisierte Fiats Bereitschaft, mit einer entsprechenden Abfindung von der Kaufoption abzusehen. Sein GM-Pendant Richard Wagoner wollte sich zunächst um die Abfindung drücken. Am Ende musste er jedoch einlenken, was von Fiat-Präsident Luca Cordero di Montezemolo als Erfolg gewertet wird.

Unterdessen bleibt beim Autoabsatz die erhoffte Erholung aus. Der Marktanteil von Fiat Auto betrug im vergangenen Jahr 7,3 Prozent – nochmals 0,1 Prozentpunkte schlechter als im bereits desaströsen 2003. Insgesamt verkaufte Fiat in Europa 1055602 Autos. Der Anteil am italienischen Markt schrumpfte auf rund 16 Prozent. Die Dezemberzahlen belegen zudem, dass der Abwärtstrend der Turiner noch immer nicht gestoppt werden konnte. Denn während die Konkurrenten zum Teil zweistellige Zuwachsraten verbuchen konnten, musste Fiat ein Minus von 2,7 Prozent hinnehmen. Mit den vier weiteren Automarken verkaufte die Gruppe insgesamt 1,9 Millionen Fahrzeuge.

Wenn Fiat Fieber hat, niest ganz Italien, besagt ein altes geflügeltes Wort. Deshalb riefen Gewerkschafter vorsorglich die Berlusconi-Regierung auf den Plan. „Wenn die Allianz mit GM zerbricht, steht eine Menge Arbeit an, um Fiat eine Zukunft zu ermöglichen. Und die Regierung muss ihren Beitrag dazu leisten“, forderte beispielsweise der Generalsekretär der mitgliederstärksten Gewerkschaft CGIL, Guglielmo Epifani. Nach guter alter Nachkriegsmanier soll der Staat in die Bresche springen, um dem italienischen Autokoloss aus der Bredouille zu helfen.

Bis 2006 Jahr muss Fiat drei Millionen Euro an die Banken zurückzahlen. Es würde an ein Wunder grenzen, wenn Fiat dies könnte. Sollte die Holding dazu nicht im Stande sein, werden die Banken im Gegenzug Fiat-Aktien im selben Wert erhalten. Damit würde die Agnelli-Familie nach fast einem Jahrhundert Alleinherrschaft endgültig die Kontrolle über Fiat verlieren. Gianni Agnelli, der zeitlebens dagegen gekämpft hat, würde sich wohl im Grabe umdrehen.

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