Wirtschaft : Gockel im Cockpit

Vor allem die französische Politik mischt bei EADS mit – das schadet dem Unternehmen zunehmend

Tanja Kuchenbecker

Begonnen hatte alles mit dem katastrophalen Börsenrutsch des Luft- und Raumfahrtkonzerns EADS vor zwei Wochen. Nach dem Eingeständnis von Airbus, den A 380 nur mit Verzögerung ausliefern zu können, verloren die EADS-Aktionäre an der Börse sechs Milliarden Euro. Das gesamte Unternehmen stürzte in eine Identitätskrise – und mit ihm das komplizierte deutsch-französische Geflecht aus Macht, Prestige und Industriepolitik. Zudem verstrickte sich EADS-Co-Chef Noël Forgeard in eine Insideraffäre, die ihn wohl das Amt kosten wird. Er hatte im März im großen Stil EADS-Aktien verkauft – als er längst von den A 380-Problemen gewusst haben soll. „Ich bin kompetent und ehrlich“, beteuerte er treuherzig.

Dass Forgeard überhaupt EADS leitet, macht das deutsch-französische Ränkespiel um die Macht bei EADS deutlich. Der 59-Jährige, früher Industrieberater von Präsident Jacques Chirac, kam mit dessen Hilfe an die Konzernspitze. Dort soll er die Interessen des Elysee-Palastes sichern. EADS war im Jahr 2000 aus der deutschen Dasa, der spanischen Casa und der französischen Aérospatiale hervorgegangen. Es geht auch um Rüstung – nicht nur für Paris eine ernste Angelegenheit.

EADS ist aber auch deshalb ein politischer Konzern, weil er einer der größten Arbeitgeber in Europa ist. Passagierflugzeuge, Kampfjets, Satelliten – diese Branchen gehören zu den wenigen, die auf dem alten Kontinent noch wachsen.

Bisher sind Forgeard und der Deutsche Thomas Enders gleichberechtigte Vorstandschefs – eine Konstellation, die wegen der unklaren Machtposition schon lange umstritten ist. Bei anderen Konzernen gibt es kein vergleichbares Konstrukt. Erst ein Jahr sind die Manager im Amt – produziert haben sie vor allem Turbulenzen. Jetzt drängt Paris auf eine neue Struktur. Die Doppelspitze soll weg, Entscheidungen einfacher werden.

Ob das viel ändert, ist fraglich. Geht es um die Präsentation neuer Mammutprojekte, etwa den A 380, beteuern Deutsche und Franzosen gerne ihre Harmonie. Doch wenn es um strategische Entscheidungen geht, gibt es eine deutsche Meinung, eine französische – und meistens Streit. Die Deutschen misstrauen der französischen Staatsmacht, die Franzosen kritisieren, dass die Deutschen nur Flugzeugrümpfe zusammennieten und Kabel verlegen können. Auch deshalb gleicht EADS bislang eher einer Holding als einem Konzern – Sparten wie Airbus oder Eurocopter sind nur lose miteinander verbunden, Synergien gibt es kaum. Immerhin: Am Samstag erhielt EADS einen Hubschrauber-Auftrag aus den USA. Bis zu 352 Maschinen vom Typ UH-145 sollen die Europäer an die amerikanischen Streitkräfte liefern. Gesamtwert: 2,35 Milliarden Euro. Es ist das erste Mal, dass EADS Hauptabnehmer der US-Armee wird. Für die Flugzeugsparte allerdings hat das Geschäft keine Auswirkungen.

Den deutschen Großaktionär Daimler- Chrysler (22,5 Prozent), die französische Mediengruppe Lagardère (7,5 Prozent) und den französischen Staat (15 Prozent) unter einen Hut zu bringen, braucht oft Zeit. Branchenkenner kritisieren, dass oft politische Formelkompromisse für das Missmanagement verantwortlich sind. Sollte Forgeard gehen, will Paris ihn durch einen Mann seines Vertrauens ersetzen. Möglich ist aber auch, dass Deutschland den alleinigen Vorstandsposten erhält – im Gegenzug bekäme Frankreich den Verwaltungsratschef und den Airbus-Chefsessel.

Ob das den ewigen Streit beilegt, ist unklar. Die Deutschen haben seit jeher ein Problem mit dem Wirtschaftsprotektionismus, der in Frankreich zum guten Ton gehört. Auch Analysten warnen vor einem wachsenden Einfluss der französischen Politik. „Die Airbus-Probleme sind industrieller Art, keine politische Entscheidung kann sie lösen“, sagte Luftfahrt-Analyst Olivier Brochet von AD Recherche.

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