Was läuft falsch in der Branche?

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Götz Werner im Interview : "Konkurrenz führt in die Irre"
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Prekäre Arbeitsverhältnisse sind nichts Branchenspezifisches. Wenn jemand der Meinung ist, der Mensch sei das Mittel, und der Zweck sei es, möglichst viel Zahncreme zu verkaufen, dann versucht er, so viel wie möglich bei den Personalkosten zu sparen. Wenn man wie ich aber findet, dass der Mensch der Zweck all unseres Tuns ist, dass also das Unternehmen für die Menschen da ist, damit sie sich einbringen und ausdrücken können, ist so etwas wie Leiharbeit völlig ausgeschlossen.

Die ehemaligen Schlecker-Frauen haben aber keine Zeit, auf einen Sinneswandel zu warten. Muss die Politik handeln?

Die Politik kann nicht alles verbieten, die Gesellschaft muss Unternehmen mit dieser Haltung ächten. So wie es auch bei Schlecker passiert ist. Das Unternehmen hat die Akzeptanz bei den Menschen verloren. Die Kunden haben für sich entschieden: „Wenn er sich so verhält, gehen wir da nicht hin.“

Schlecker haben die Löhne das Genick gebrochen, sagen die Experten.

Die Experten sagen, dass der Anteil der Löhne am Umsatz zu hoch war – aber doch nur, weil Schlecker keine Kunden mehr hatte! Wenn die Filialen so gut besucht gewesen wären wie beim Ausverkauf, dann hätte Schlecker die Löhne leicht bezahlen können. Zahnpasta gibt es in Hunderten von Läden in Berlin, Sie müssen den Kunden einen Grund geben, warum sie gerade zu Ihnen kommen sollen. Das ist Schlecker nicht gelungen.

Sind Sie für einen Mindestlohn im Handel?

Nein, da wird vom richtigen Ziel abgelenkt. Wir sind für allgemeinverbindliche Tarifverträge. Diese müssen wiederkommen, sonst ist dem Rabaukentum Tür und Tor geöffnet.

Ursula von der Leyen möchte die Schlecker-Frauen zu Erzieherinnen umschulen. Hat Ihre Branche keine Zukunft?

Doch, die Branche wächst insgesamt, aber nicht überall. Die Schlecker-Frauen verteilen sich aber über die ganze Republik. Somit ist von der Leyens Ansatz in unserem System zwar verständlich, aber er ist trotzdem falsch. Die Schlecker- Frauen sollen nach der Logik der Politiker einen Job annehmen, damit sie ein Einkommen haben. Es sollte aber vielmehr darum gehen, dass sie eine Arbeit finden, mit der sie sich identifizieren können.

Werden Sie durch Ihr hehres Menschenbild nicht ständig enttäuscht?

Um ein Unternehmen zu führen, braucht man Zutrauen. Als ich 32 Jahre alt war, hatte ich 170 Mitarbeiter. Meine Großmutter, eine richtige Preußin, fragte: „Götz, du hast doch jetzt so viele Mitarbeiter, beklauen die dich nicht alle?“ Und da habe ich geantwortet: „Großmutti, mach dir keine Sorgen, einer ist besser wie der andere.“

Ist Schlecker auch an seinem Misstrauen gescheitert?

Die Maxime, Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser, ist eine dramatische Fehlorientierung. Denn es bedeutet immer: Vertrauen für mich, Kontrolle für die anderen. Damit erleidet jeder Schiffbruch, nicht nur als Unternehmer, auch als Ehemann, Vater und Freund.

In Deutschland hat dm bereits einige Filialen von Schlecker und Ihr Platz übernommen. Wie viele sollen es noch werden?

Wir haben neun Märkte gekauft, alle waren Ihr-Platz-Filialen. Der normale Schlecker-Markt ist für uns zu klein. Da würden wir gerade mal unser Zahnpflegesortiment unterkriegen. Die Geschäfte sehen aus wie unsere vor 30 Jahren! Dass Schlecker mit dieser Ladenstruktur so lange durchgehalten hat, ist für sich gesehen schon eine unternehmerische Leistung.

Würden Sie auch eine Auslandsgesellschaft übernehmen?

Nein, obwohl es eine wunderbare Gelegenheit gewesen wäre, diese Märkte zu erschließen. Uns sind die Töchter angeboten worden, aber auch hier sind die Läden zu klein. In Spanien haben die Filialen im Schnitt weniger als 200 Quadratmeter.

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