Wirtschaft : Goldene Zeiten in der Türkei

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Istanbul - Griechenland ist pleite, Länder wie Deutschland, Großbritannien, Italien und Spanien müssen kräftig sparen – in der Türkei hingegen boomt die Wirtschaft in diesem Jahr mit einem Wachstum von fast sieben Prozent.

Derzeit besucht Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) das Land, um die wirtschaftliche Zusammenarbeit zu verbessern. „Die Türkei hat sich zu einem Wachstumsmotor entwickelt, von dem auch die Exportnation Deutschland profitieren kann“, sagte Brüderle in Istanbul. Für die mehr als 4000 deutschen Unternehmen am Bosporus sei die Türkei ein „goldener Markt“, bestätigt der Chef von Haribo in der Türkei, Holger Terstiege. Auch die Türken lieben Gummibärchen – und haben anders als früher auch das nötige Kleingeld, um sie sich zu kaufen. Terstieges Unternehmen wächst um jährlich 30 Prozent und mehr.

Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern hat die Türkei die jüngste globale Krise ohne große Erschütterungen überstanden – auch weil es die eigene Krise bereits hinter sich hatte, als die globale Talfahrt begann. Im Jahr 2001 brach der türkische Bankensektor zusammen, der Staat stand vor dem Bankrott, ein Reformprogramm des Internationalen Währungsfonds brachte dringend benötigte Kredite und zwang Ankara zu radikalen Reformen. Seitdem geht es aufwärts. Das Land gehört inzwischen zu den G 20, den stärksten Volkswirtschaften der Welt.

Zum Teil wird der Aufschwung von einer steigenden Inlandsnachfrage getragen. Ob Autos, Spülmaschinen oder eben Gummibärchen: Die Türken haben einen immensen Nachholbedarf. „Die Türkei ist in vielen Bereichen noch nicht voll entwickelt“, sagt Haribo-Manager Terstiege. Von daher gebe es immer Wachstum. Dank steigender Löhne wächst auch die Kaufkraft, sodass Terstiege 30 Prozent seiner Produktion im Inland verkauft.

Eine bedeutende Rolle spielt die Türkei aber auch als Brückenkopf für die Versorgung des Nahen und Mittleren Ostens, wie Terstiege sagt. Von Istanbul aus beliefert Haribo einen Raum, der von Libyen über die Arabische Halbinsel bis zum Iran reicht. Andere Unternehmen halten es ähnlich: Der Softwarekonzern Microsoft etwa verwaltet aus der Türkei, dem Partnerland der Computermesse Cebit 2011 in Hannover, seine Geschäfte in nicht weniger als 79 Ländern.

Insbesondere die internationale Autoindustrie hat die Türkei als Standort entdeckt. Unternehmen wie Ford, Toyota, Fiat und Renault haben hier große Fabriken gebaut. Laut Angaben aus Ankara ist die Türkei inzwischen nach Japan der zweitgrößte Exporteur von Kraftfahrzeugen für den europäischen Markt. Auch die Türkei selbst bietet große Potenziale: Drei von vier türkischen Haushalten besitzen noch kein eigenes Auto.

Für Autohersteller und Firmen wie Haribo, die in der Türkei und der Region nicht nur verkaufen wollen, sondern auch produzieren, ergeben sich wegen der relativen Stärke der Lira zum Euro und wegen der steigenden Löhne im Land zwar Probleme, aber unterm Strich bleibt das Land dennoch attraktiv, sagt Terstiege. „In vielen Bereichen ist die Türkei inzwischen qualitativ auf einem Level, der eben besser ist als der in Fernost.“Susanne Güsten

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