Wirtschaft : Goldener Boden

Erstmals seit 1999 bessert sich die Lage im Handwerk. Trotzdem gehen Jobs verloren – nur nicht in Berlin

Carsten Brönstrup,Manuel Köppl

Berlin - Das deutsche Handwerk sieht das Ende seiner jahrelangen Krise gekommen. In diesem Jahr sei erstmals seit 1999 wieder ein Umsatzplus zu erwarten, erklärte der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) am Mittwoch in Berlin. Trotzdem werde der Arbeitsplatzabbau in dem Wirtschaftszweig weitergehen – dieses Jahr dürften 50 000 Stellen wegfallen, nächstes Jahr 30 000. In Berlin bessert sich die Lage dagegen, hier entstehen erstmals Jobs.

Das Handwerk hat, vor allem durch die tiefe Krise auf dem Bau, eine jahrelange Talfahrt hinter sich. Allein in den vergangenen fünf Jahren gingen eine Million Jobs verloren. „Der Aufschwung vollzieht sich also auf einem Niveau, das weitaus niedriger ist“, räumte ZDH-Generalsekretär Hanns-Eberhard Schleyer ein. Allerdings habe sich die Stimmung gewendet, berichtete er unter Verweis auf eine Umfrage des Verbandes unter mehr als 20 000 Betrieben. Ein Drittel bezeichnete die Geschäftslage im Sommerquartal nun als gut, vor einem Jahr waren es nur 17 Prozent. Das Geschäftsklima der Branche, errechnet aus Angaben zu Lage und Erwartungen, sei auf den höchsten Stand seit mehr als zehn Jahren geklettert, berichtete Schleyer. „Das Zugpferd ist die Bauwirtschaft.“

Allerdings trauen die Firmen den besseren Zeiten noch nicht recht. Bei Neueinstellungen bleiben sie der Umfrage zufolge zurückhaltend und versuchen, die Mehrarbeit mit Überstunden, Zeitkonten oder Leihpersonal zu bewältigen. Auch die Investitionen sind noch mäßig. Schuld daran ist Schleyer zufolge die 2007 steigende Mehrwertsteuer. Folge: Die Umsätze dürften im kommenden Jahr bestenfalls stagnieren.

Schleyer verlangte deshalb von der Bundesregierung, die negativen Folgen der Steuererhöhung abzumildern. Dazu solle der Steuerbonus, den private Bauherren für Handwerkerleistungen bekommen, angehoben werden. Derzeit übernimmt der Staat maximal 600 Euro einer Handwerkerrechnung, der ZDH verlangt die Erhöhung dieser Summe auf 800 Euro. Dies nutze vor allem Gewerken aus den Bereichen Bau und Ausbau. Der Verband lobte indes die Reformen von Erbschaft- und Unternehmensteuer als förderlich für die Branche.

Die Verbraucher können im kommenden Jahr trotz der besseren Lage mit überwiegend stabilen Handwerkerpreisen rechnen. Wegen des intensiven Wettbewerbs müssten zwei Drittel der Betriebe ihre Preise unverändert lassen und eine sinkende Gewinnmarge hinnehmen, sagte Schleyer.

In Berlin bessert sich die Lage der Branche derweil rascher als im Bundesdurchschnitt. Erstmals schufen die Betriebe in der Hauptstadt wieder Arbeitsplätze, wie die Handwerkskammer am Mittwoch mitteilte. Die Zahl der Beschäftigten in den rund 33 000 mittelständischen Betrieben sei seit November vergangenen Jahres um 2,9 Prozent auf nun 190 200 Mitarbeiter gestiegen. Der aktuellen Umfrage zufolge nannten drei Viertel der Betriebe ihre Geschäftslage „befriedigend“. „Die Kapazitäten der Betriebe konnten zu 78 Prozent ausgelastet werden“, sagte Handwerkskammer-Präsident Stephan Schwarz. Bis Weihnachten seien die Auftragsbücher der Mittelständler prall gefüllt.

Gleichzeitig kritisierte der Verband die geringen öffentlichen Investitionen. Berlin liege mit einer Investitionsquote von voraussichtlich nur neun Prozent im Jahr 2006 weit hinter anderen Bundesländern zurück. In Brandenburg betrage die aktuelle Quote 20,4 Prozent, im nächsten Jahr soll sie auf 19,4 Prozent absinken.

Sorge bereitet dem Berliner Handwerk die Situation auf dem Ausbildungsmarkt. Zwar haben mit bislang 5535 Jugendlichen fünf mehr als im Vorjahr einen Ausbildungsvertrag unterschrieben. „Die Betriebe sind aber häufig von der Qualifikation und Motivation ihrer Lehrlinge enttäuscht“, berichtete Schwarz. Bei der Nachvermittlungsbörse im September sei deutlich geworden, dass viele Schulabgänger auf eine Ausbildung gar keine Lust hätten: Von rund 170 zusätzlich geschaffenen Ausbildungsplätzen konnten nur vier besetzt werden. Insgesamt hatte die Kammer 430 noch unversorgte Bewerber angeschrieben – davon wurden aber nur 39 Jugendliche in einem Betrieb vorstellig.

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