Goldrausch : Der Schatz der Deutschen

In den Tresoren der Bundesbank liegen 3418 Tonnen Gold im Wert von knapp 70 Milliarden Euro. Das weckt bei Finanzpolitikern neue Begehrlichkeiten.

Stefan Kaiser,Henrik Mortsiefer
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Begehrtes Edelmetall: Der Preis für Gold steigt immer weiter. Der Rekordpreis liegt bei 930 Dollar je Feinunze. -Foto: ddp

Eigentlich wollten die schwedischen Freundinnen ein Körbchen Heidelbeeren von ihrem Waldspaziergang mit nach Hause bringen. Doch Siv Wiik (69) und Harriet Svensson (64) fanden in der vergangenen Woche statt der Beeren einen glitzernden Stein, der sie auf einen Schlag reich machte. In der Nähe ihres Heimatortes Överturingen in der schwedischen Provinz Västerbotten liegen offenbar große, bisher unentdeckte Goldvorkommen.

Der Fund kommt für die Frauen zur rechten Zeit. Denn so wertvoll war Gold noch nie. Mehr als 930 Dollar wurden diese Woche zeitweise für eine Feinunze (rund 31 Gramm) gezahlt. In den vergangenen fünf Jahren hat sich der Preis etwa verdreifacht. Experten erwarten, dass der Trend kurzfristig anhält: "Ich halte es für wahrscheinlich, dass der Goldpreis bald die 1000-Dollar-Marke durchbricht“, sagt Eugen Weinberg, Rohstoffexperte der Commerzbank. Danach werde es allerdings eine Korrektur nach unten geben.

Für den jüngsten Anstieg macht er vor allem die kräftigen Zinssenkungen der US-Notenbank verantwortlich. "Niedrige Zinsen machen zinslose Anlagen wie Gold attraktiver.“ In Zeiten unruhiger Börsen gilt Gold als sicherer Hafen. Der rasante Preisanstieg der vergangenen Jahre lässt sich damit aber nicht erklären. Hier spielen auch strukturelle Veränderungen eine Rolle. Das Angebot wird durch die immer schwieriger und teurer werdende Förderung verknappt. "Die Produktion stagniert seit Jahren“, sagt Weinberg.

Die Nachfrage nach Gold wird vor allem aus den aufstrebenden Wirtschaftsnationen Asiens getrieben, wo Gold auch ein Statussymbol ist. Hinzu kommt die gestiegene Nachfrage institutioneller Investoren, vor allem der Exchange Traded Funds (ETF), die Gold nicht nur auf dem Papier, sondern in Natura vorhalten. "Die ETFs haben etwa 900 Tonnen Gold gehortet“, sagt Weinberg. "Damit liegen sie zusammengenommen weltweit auf Platz sieben, noch vor der japanischen und der europäischen Zentralbank EZB.“

Weltweit der größte Goldschatz

Obwohl der Goldstandard im Jahr 1973 abgeschafft wurde – die Zentralbanken also nicht mehr verpflichtet sind, Bargeld jederzeit in eine entsprechende Menge Gold umzutauschen –, hüten die Notenbanker noch einen riesigen Goldschatz. Nach der US-Notenbank, die 8133 Tonnen in Fort Knox bunkert, verfügt die Deutsche Bundesbank mit 3418 Tonnen weltweit über das meiste Gold. Sein Wert: knapp 69 Milliarden Euro. Zusammen mit ihren Währungsreserven, vor allem Dollar und Yen, kommt die Bundesbank auf ein Polster von rund 100 Milliarden Euro. Das weckt Begehrlichkeiten, zumal die Bank der Banken ihr geldpolitisches Instrumentarium seit Einführung des europäischen Währungssystems an die EZB abgegeben hat. Im Rahmen des 2004 erneuerten Goldabkommens hat die Bundesbank die Option, jedes Jahr 120 Tonnen zu verkaufen. Doch die Hüter des Goldschatzes geizen mit dem Edelmetall: In drei Jahren wurden jeweils nur fünf Tonnen für das Münzprogramm des Finanzministers verkauft, 2008 sollen es nach Angaben einer Sprecherin acht Tonnen werden. „Weitere Verkäufe sind dieses Jahr nicht vorgesehen.“ Für Bundesbank-Vorstand Hans-Helmut Kotz hat die Zurückhaltung gute Gründe: Mit dem Erhalt ihrer Goldbestände werde die Bundesbank ihrem Anspruch an Sicherheit und Diversifizierung des Portfolios gerecht. Kotz spricht, wohl auch mit Blick auf turbulente Zeiten an den Finanzmärkten, von "Risikosteuerungsanforderungen“. "Gold erfüllt darüber hinaus, neben seiner wichtigen vertrauensbildenden Funktion, auch eine stabilitätssichernde Aufgabe für die gemeinsame Währung“, sagte der Bundesbanker dem Tagesspiegel.

Hermann Scheer, SPD-Linker und Mitglied im "Zukunftsteam" von Andrea Ypsilanti in Hessen, hält die Argumente für überholt. Scheer, der vor sechs Jahren vergeblich angeregt hatte, Bundesbank-Gold zu verkaufen und den Erlös in einen Zukunftsfonds zu stecken, macht jetzt einen neuen Vorschlag. "Die Goldreserven sollten Zug um Zug aufgelöst werden“, sagte er dieser Zeitung. Denkbar sei ein Zeitraum von zehn bis 15 Jahren, um einen Preisverfall zu vermeiden. "Ein Drittel des Erlöses sollte dann der Bund erhalten, zwei Drittel die Länder – mit dem Ziel, den Mittelstand und Kommunalkredite zu finanzieren“, sagte Scheer. Die zinsbringenden Geldreserven der Notenbank sollten nicht angetastet werden. Scheer will mit einem entsprechenden Memorandum in Kürze an die Öffentlichkeit gehen. Rechtliche Bedenken hat er nicht. "Nach meiner und der Beurteilung durch juristische Gutachten wäre ein Goldverkauf mit dem EZB- Vertrag vereinbar.“

Knapp 70 Milliarden Euro für den kapitalschwachen Mittelstand und neue Infrastrukturinvestitionen? Otto Bernhardt, finanzpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, hält sich mit Äußerungen zu möglichen Verwendungen für den Goldschatz zurück. "Die Bundesbank ist frei“, sagt der Ex-Banker, der in der Vergangenheit deutlich für eine Auflösung von Reserven geworben hat. Gleichwohl räumt auch er ein, dass der Wert des Goldes in den vergangenen Monaten „unwahrscheinlich stark gestiegen“ sei. "Das kann die öffentlichen Haushälter schon hungrig machen."

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