Wirtschaft : Goodbye Deutschland

Schulaufenthalte in Internaten Nordamerikas: Die Anforderungen sind hoch.

Anja Brandt
Bühne frei. Das Leben im Internat wird in den USA zelebriert. Ein wenig Show gehört immer dazu. Foto: Reuters
Bühne frei. Das Leben im Internat wird in den USA zelebriert. Ein wenig Show gehört immer dazu. Foto: ReutersFoto: REUTERS

Bei ihrer ältesten Tochter wollten die Lükes auf Nummer sicher gehen: Auslandsjahr ja, aber bloß nicht zu weit weg. Also durfte die heute 22-jährige Anna in der 10. Klasse ein halbes Jahr in ein englisches Internat. Voraussetzung für die Aufnahme war ein Sprachtest. Auch Annas Bruder Jan, heute 21, wollte ins Ausland, nach Australien. Mathetest, Sprachnachweis, Interview? Musste Jan nicht vorweisen. Tim, heute 19, und Leah, 16, wollten in die USA – das Land, das die härtesten Bedingungen für eine Aufnahme hat.

„Nordamerikanische Internate stellen sehr hohe Anforderungen an ihre Bewerber für ein Auslandsjahr“, sagt Michael Steinau von den Deutschen Landerziehungsheimen (LEH), einem der größten deutschen Internatsverbände. Mit welchen Unterlagen sich die Schüler bewerben müssen, legen die Schulen individuell fest. Es können gültige Sprachtests wie der „Tofel“ oder „Slep“- Test mit einem bestimmten Ergebnis sein, Eignungstests wie der „Ssat“, der auch mathematische Fähigkeiten prüft, Schulzeugnisse und Empfehlungsschreiben der Lehrer. „Oft werden auch Aufsätze über gesellschaftliche Themen verlangt“, so Steinau. Gelegentlich müssen Bewerber mit dem Schulleiter skypen.

Wer einen Platz in einem nordamerikanischen Internat sicher hat, sollte sich mit dem Schulleiter an der Heimatschule absprechen, welche Kurse im Ausland gemacht werden. „Es kann sonst passieren, dass das Jahr nicht anerkennt wird und der Schüler die Klasse wiederholen muss“, sagt Steinau. Aus meist bis zu 150 Kursen von Literatur über Wirtschaft bis US-Geschichte müssen sich die Schüler für fünf Pflichtkurse entscheiden. In „Pre-Boarding Kursen“, die nordamerikanische Internate anbieten, lernen Schüler vorab fachsprachliches Vokabular für Fachbegriffe. Auch haben die Schulen ein breit gefächertes Angebot an Sport, der in den USA und Kanada „eine riesige Rolle spielt“, so Steinau. Familien sollten sich darüber im Klaren sein, dass die Schulabschlüsse anders als in Europa sind. Einen Mittleren Schulabschluss wie den deutschen MSA gibt es in den USA und Kanada nicht. Zentral sind die vier letzten Jahre auf der Highschool ab Klasse 9; sie entscheiden darüber, ob ein Schüler studieren kann. Die Anerkennung dieses „High School Diploma“ in Europa ist nicht garantiert. Unter bestimmten Voraussetzungen kann das Diploma als fachgebundene Hochschulreife anerkannt werden, womit die Schulabgänger in ihrer Studiengangwahl eingeschränkt wären, oder auch als Allgemeine Hochschulreife. Steinau rät, sich beim Deutschen Akademischen Austauschdienst zu informieren. In Großbritannien können die Schüler zwischen zwei Abschlüssen wählen: Das International Baccalaureate (IB) wird mit der richtigen Fächerkombination einem deutschen Abitur gleichgesetzt; die A-Levels entsprechen einem fachgebundenen Abitur. In der Schweiz sind das Deutsche Abitur, das IB, aber auch das High School Diploma oder Schweizer Matura möglich.

„Während die fachlich inhaltliche Ausbildung der in europäischen Internaten ähnelt, ist in den USA ein extrem gutes Schüler-Lehrer-Verhältnis in Quantität und Qualität besonders“, betont Steinau. Klassen mit weniger als zehn Schülern sind der Schnitt.

Die Regel ist auch, dass nordamerikanische Internate teurer sind als europäische. Etwa 40 000 Dollar (zwischen 28 000 und 35 000 Euro) kostet ein Aufenthalt im Jahr; hinzu kommen Kosten für Versicherungen. In Europa zahlen Eltern für ein Internatsjahr zwischen 25 000 und 30 000 Euro. In der Schweiz wird das Lernen überdurchschnittlich teuer: Internate verlangen hier bis zu 100 000 Schweizer Franken (über 80 000 Euro). „Besser sind Schweizer Schulen jedoch nicht“, betont Steinau, zum Teil nur schicker und wunderschön gelegen. „Eine preislich gute Alternative sind kirchliche Internate“, sagt Stefanie Meisch von der Euro-Internatsberatung. Sie kosten 8000 bis 18 000 Euro im Jahr.

In einem weitern Punkt unterscheiden sich nordamerikanische Internate von europäischen: „Sie zelebrieren das Internatsleben viel mehr“, sagt Steinau. „Nicht umsonst kommen jedes Jahr neue Filme heraus, die vom Highschool-Leben mit den legendären Cheerleadern handeln.“ Tim und Leah haben die Aufnahme an ein US-Internat geschafft. Rückblickend sagt Tim, dass weder das Gespräch noch das Essayschreiben große Probleme aufwarfen. Das Vorher ist nun nicht mehr wichtig. „Die Erfahrung an sich war super.“ Anja Brandt

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