Wirtschaft : Gottes Freihandelszone

Tewe Pannier

Carst aus Bremen hat sich vor einem Jahr in Dubai als Immobilienmakler selbstständig gemacht. Vor elf Monaten hat er sich in Veronika aus Prag verliebt, die als Stewardess für die Emirates um die Welt düst. Heute wollen sie ihr Glück besiegeln: „Wir bitten Euch zur Trauung in die Christus-Kirche“ steht in der Einladung.

Schneller Anruf bei meinem indischen Freund Jacob, der sehr katholisch ist und sich daher in Kirchendingen auskennt. „Jacob, wo ist denn diese Christus-Kirche?“ – „Na, wo all die anderen Kirchen sind: Du fährst an dem Ibn-Batuta-Einkaufscenter vorbei, vor dem Freihafen Jebel Ali dann links. Hinter der Kurve, kurz vor den riesigen Satelliten-Antennen, ist eine Schotterstraße. Die fährst du bis zum Ende. Aber Vorsicht: Nicht in das Wohnlager der Arbeiter fahren, dann bist du zu weit!“ Eine Minute vor der Trauung bremsen wir vor der Christus-Kirche. Sie steht in einem Häuflein Gotteshäuser auf einem kleinen Hügel. Der Wüstenstaub der Schotterstraße hängt noch in der Luft, im Osten stehen die hohen Türme des E-Werkes und die ersten Kräne des Freihafens.

Drinnen ist das alles vergessen: Durch die Fenster im Dach taucht die Sonne Bänke und Altar in Kirchenlicht. Carst wippt nervös auf den Ballen und wartet auf seine Braut. Der Pastor ist Brite und fungiert gleichzeitig als Standesbeamte: Arabische Beamte dürfen Christen nicht trauen. Amtssprache ist Englisch, und schließlich sagen Veronika und Carst jeweils: „Yes, I do!“ Der englische Text für das Vaterunser liegt in Plastik eingeschweißt vor jedem Platz, aber der Pastor sagt, man dürfe es auch in seiner eigenen Sprache sagen. Links murmelt es einer auf Tschechisch, von weiter vorne höre ich Deutsch.

Nachdem der Reis geschmissen ist, gucken wir uns die anderen Kirchen an. Die kleine Kirchensiedlung ist wie eine Freihandelszone Gottes mitten im Islam. Die anglikanische Christus-Kirche steht direkt neben der Kirche für die Amis. Dann das Gotteshaus der Katholiken, dann für die Kopten aus Ägypten. Eine ist noch im Bau, auf dem Zaun steht „Griechisch Orthodox“. Es gibt einen Tempel für die Sikhs aus Indien und am Schluss die Mar- Thoma-Gemeinde. Wieder ein Anruf bei Jacob, dem Katholiken aus Süd-Indien: „Wer sind denn die Mar Thoma?“ – „Ach die“, sagt Jacob etwas geringschätzig. „Die haben sich vor 500 Jahren von uns abgespalten. Die waren von einem deutschen Pastor inspiriert, der hieß Martin Luther.“

Der Autor (45) betreibt eine Medienfirma in Dubai und lebt abwechselnd dort und in Berlin.

ein Geschäftsmann

aus Berlin, erzählt von Arabien

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