Wirtschaft : Gottes Segen allein reicht Kirchenbanken nicht

HEIKE JAHBERG

Kirchen in der Finanzkrise / Einnahmen sinken, Stellen werden abgebaut / Konfessionelle Institute suchen KundenVON HEIKE JAHBERG

So sollte es nicht weitergehen.Egge und Pflug verschlangen ein Vermögen, und dann mußten auch noch die wesentlichen Dinge des sakralen Lebens angeschafft werden: Meßwein, Stehkragen und Monstranz rissen ein weiteres Loch in das bescheidene Budget der Pfarrer.Bei Bier und Brotzeit trafen sich daher am 15.Februar 1917 in Regensburg 34 Würdenträger und sannen über Abhilfe nach.Sie gründeten den "Verband katholischer Ökonomiepfarrer Bayerns".Der Verbund sollte ihnen das Wirtschaften erleichtern und mit günstigen Krediten unter die Arme greifen.Das Beispiel machte Schule.Im selben Jahr gründeten katholische Priester die Pax-Bank.1927 nahm sich auch der evangelische Pfarrer Martin Niemöller das Bibelwort vom "kundigen Geldwechsler" zu Herzen und stand in Münster Pate bei der Geburt der "Darlehensgenossenschaft der Westfälischen Mission". Auf elf ist die Zahl der mit den beiden großen Kirchen eng verbundenen Banken heute gewachsen, davon fünf katholische und sechs evangelische.Hinzu kommen noch einige "Exoten", darunter das Sparinstitut des katholischen Missionsordens "Gesellschaft des Göttlichen Wortes", das sogenante Steyler Missionssparinstitut in St.Augustin.Doch auch für die Banker, die im Auftrag des Herren unterwegs sind, wachsen die Bäume nicht mehr in den Himmel."Wir schauen uns heute die Finanzierungen unserer Kunden genau an", sagt Wolfgang Klose, Filialleiter der Pax-Bank in Berlin."Wir können nicht mehr nur auf Gott vertrauen". Die Finanzkrise der Kirchen läßt auch die Banken nicht unberührt.Denn Kunden der Finanzinstitute sind die Pfarrgemeinden selbst.Hinzu kommen von den Kirchen betriebene Einrichtungen wie Krankenhäuser oder Kindergärten.Je weniger Geld die Kirchen einsammeln, je kürzer die Lohnlisten werden, desto mehr droht auch der Kundenstamm der Kirchenbanken zu schrumpfen.Dabei sind die Institute nicht alle gleichermaßen wählerisch.Während etwa bei der Pax-Bank nur hauptberufliche Mitarbeiter der katholischen Kirche und deren Einrichtungen ein Konto eröffnen dürfen, würde die Evangelische Darlehensgenossenschaft Kiel, die ebenso wie die gleichfalls dem evangelischen Lager angehörende Bank für Kirche und Diakonie eine Filiale an der Spree unterhält, auch neben- und ehrenamtliche Helfer aufnehmen."Wer im Kirchenchor singt, kann bei uns Kunde werden", sagt Ralph Louisoder, Chef der Berliner Niederlassung.Auch Katholiken würde man nicht die Tür weisen.Für katholische wie evangelische Institute gilt gleichermaßen: Wer seinen Job in der Kirche verliert, darf in aller Regel dennoch bei der Bank bleiben.Für die Betroffenen ist das zumindest ein Trost.Denn vor Stellenabbau ist auch der kirchliche Bereich längst nicht mehr gefeit. Die finanziellen Sorgen der Gottesdiener sind manifest.Nur noch 7,9 Mrd.DM konnte die Evangelische Kirche Deutschlands im vergangenen Jahr vom Einkommen ihrer Mitglieder an Kirchensteuer abzwacken.Im Jahr zuvor waren es immerhin noch 8,3 Mrd.DM.Doch auch die katholische Kirche muß abspecken.Hier sank das Kirchensteueraufkommen um 200 Mill.DM auf 8,4 Mrd.DM im Jahr 1996.Die Konsequenzen sind bekannt: "Wir haben im kirchlichen Bereich kein Stellenwachstum mehr", weiß Oberkirchenrat Beatus Fischer von der badischen Landeskirche.Andere sprechen offen von Rationalisierungen.Die Gemeinden haben längst andere Sorgen als die Frage, wie sie ihr Geld gewinnbringend anlegen."Die müssen zusehen, wie sie überhaupt an Geld kommen", sagt Fischer, der zu den Finanzexperten in der evangelischen Kirche zählt."Noch vor fünf Jahren hieß es, die Kirche ist sicher", erinnert sich auch Pax-Bank-Filialleiter Klose.Doch Arbeitslosigkeit, Steuerlast und Einschränkungen im Gesundheitswesen fordern auch von den Glaubensgemeinschaften und den ihnen angeschlossenen sozialen Einrichtungen Tribut. Kein Wunder, daß die kirchlichen Banker an einer zukunftsträchtigen Strategie basteln.Notfalls auch über die konfessionellen Grenzen hinweg.Wachstumschancen sieht Fischer vor allem im Privatkundengeschäft.Doch um mit den Geschäftsbanken mithalten zu können, müßten die kirchlichen Institute erst einmal einiges investieren: Der Ausbau des Direkt- oder Homebankings lohnt sich aber nur im Verbund, der Kundenstamm der Einzelgenossenschaften wäre zu klein.Aber auch im gewerblichen Bereich deutet sich eine stärkere Kooperation an: Gerade im Osten Deutschlands stehen über Förderprogramme noch Gelder für Krankenhäuser oder Seniorenheime zur Verfügung.Ein "Riesenbrocken", so Fischer.Die Kreditgenossenschaften, zu deren ureigenster Aufgabe solche Kreditgeschäfte zählen, dürfen Darlehen jedoch nur bis zu einer gewissen Höhe geben.Eine stärkere Zusammenarbeit mit anderen Kirchenbanken würde auch dieses Geschäft beflügeln. Bislang kommen die kirchlichen Geldexperten noch recht gut über die Runden.Das hat mehrere Gründe: Da der Kundenkreis eingeschränkt ist, brauchen die konfessionellen Geldhäuser deutlich weniger Personal als herkömmliche Geschäftsbanken.Beispiel: Das größte evangelische Institut, die Evangelische Kreditgenossenschaft Kassel (EKK) mit einem Bilanzvolumen von 5,2 Mrd.DM, beschäftigt 200 Mitarbeiter.Eine "normale" Bank dieser Größe hätte etwa sechs Mal soviel Personal.Von den niedrigen Kosten profitieren die Kunden.Die Kontoführung ist in aller Regel kostenlos, zudem ist die Zinsspanne um zwei Punkte niedriger als bei der weltlichen Konkurrenz.Darlehen sind daher meist günstiger, Spareinlagen werden höher verzinst, und die Genossen der EKK können sich über eine achtprozentige Verzinsung ihrer Einlagen freuen. Auch die Geldanlage ist bei den elf konfessionellen Häusern kein Problem.Was auf dem Markt angeboten wird, kann man auch bei den Kirchenbanken kaufen.Ergänzt wird dieses durch eigene - ethisch orientierte - Produkte.So hat die Evangelische Darlehens-Genossenschaft Münster einen "Sparbrief zur Förderung von Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung" aufgelegt, dessen Erträge helfen sollen, eine gerechtere Wirtschaftsordnung zu schmieden.Das geht nicht ohne Opfer - des Anlegers.Der kann wählen: zwischen einer Verzinsung von zwei oder null Prozent.Marktkonformer sind da schon die Fondsangebote der kirchlichen Institute.Doch die Zusammensetzung der Fonds bringt die konfessionellen Anlageexperten gelegentlich in Teufels Küche.Darf etwa eine Firma wie Schering, die immerhin die Anti-Baby-Pille vertreibt, in den Liga-Pax-Aktienfonds? Die Antwort lautet "ja", die Aktie, so heißt es, sei einfach zu gut, um nicht berücksichtigt zu werden.

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