Wirtschaft : Gouda aus Polen

Klaus Bachmann

"Mentalität? Das ist kein Problem, damit komm ich prima zurecht." Johnny E. ist voll des Lobes über seine neue Heimat. Nachdem er seinen Hof im niederländischen Denekamp verkauft hat, hat er sich mit seiner polnischen Ehefrau in Lubowo, 100 Kilometer von Koszalin (Köslin) niedergelassen. "In Polen ist es viel leichter Landwirtschaft zu treiben als in den Niederlanden", findet er. Kein Problem hier zu erweitern. In den Niederlanden dagegen wäre das zu teuer - Johnnys alte Heimat gehört zur dichtestbesiedelten Region Europas, und die Bodenpreise steigen und steigen. Polen ist preiswerter und unbürokratischer; die Landschaft schöner: "Wir haben hier jede Menge hübscher Seen."

Bisher ist Johnny noch ein Einzelfall. Denn die meisten mittelosteuropäischen Staaten, die der EU beitreten wollen, wollen Grundstücke nicht an Ausländer verkaufen. Doch für den Fall, dass diese Restriktionen nach der EU-Erweiterung fallen, stehen vor allem die niederländischen Landwirte bereit. In den Niederlanden hat sich die Zahl der Höfe in den letzten vergangenen Jahren nahezu halbiert, während sich die Preise für landwirtschaftliche Flächen mehr als verdoppelt haben. Die Möglichkeiten, einen Betrieb zu erweitern, schrumpfen damit immer mehr. Ohne Erweiterung aber sinkt die Rentabilität. Denn Umwelt- und Hygieneauflagen machen die Produktion teurer. "Die Niederlande waren schon immer Nettoexporteur von Junglandwirten", scherzt Reinout Wijbenga, EU-Experte des niederländischen Bauernverbandes LTO. LTO bekomme in jüngster Zeit immer mehr Anfragen, wie die Chancen stünden, nach Osteuropa zu gehen. Die Interessenten verweist Wijbenga dann an die Immobilienagentur des Bauernverbandes und an Herman Hendriks.

Ingenieur Herman Hendriks wohnt im niederländischen Denekamp, doch seine Firma hat er im niedersächsischen Nordhorn, auf der anderen Seite der Grenze. BBP Agrar Service existiert seit 1992 und hat sich darauf spezialisiert, niederländische Bauernhöfe in Richtung Osten umzupflanzen. Anfangs ging die Reise meist nach Ostdeutschland, wo Hendriks selbst einige Jahre Verwalter einer ehemaligen LPG war. Inzwischen vermittelt er auch nach Polen und Ungarn. BBP Agrar Service informiert über die Investitionsbedingungen, vermittelt Rechtsberatung vor Ort, hilft, den Betrieb einzurichten und anzumelden und organisiert, falls gewünscht, auch gleich den Umzug. Der Drang in östliche Gefilde unter den niederländischen Bauern könnte noch größer sein. Doch aus Furcht, von Ausländern aufgekauft zu werden, hat Polen bei den EU-Beitrittsverhandlungen eine 18jährige Übergangsfrist beantragt, während der Ausländern der Kauf von Agrarland ohne Genehmigung des Innenministers verboten bleiben soll.

Dahinter steckt die Furcht, nach der Erweiterung könnten deutsche Heimatvertriebene und Spekulanten die niedrigen Bodenpreise nutzen und Polens Bauern von ihrer Scholle jagen. Doch der Widerstand gegen das polnische Schutzbedürfnis kam in letzter Zeit nicht aus Berlin, sondern aus Den Haag. "Stimmt", gibt Reinout Wijbenga zu. "Wer Direktzahlungen für seine Landwirte will, muss auch niederländische Bauern bei sich zulassen." Hinzu kommt ein deutsch-polnischer Kuhhandel: Bundeskanzler Schröder wollte Polen eine Übergangsfrist zum Schutz des deutschen Arbeitsmarkts vor billigeren, hochmotivierten Arbeitsimmigranten abhandeln. Polen wollte im Gegenzug seinen Immobilienmarkt schützen.

Zwischenbilanz des EU-Interessenausgleichs: Deutschland darf seinen Arbeitsmarkt zwei Jahre lang versperren, dann entscheidet die EU über eine Verlängerung. Die Niederlande werden ihren Arbeitsmarkt dagegen vom ersten Tag der Erweiterung offen halten, wie Premier Wim Kok versprach. Für beides hat Polen Zustimmung signalisiert. Dafür darf Premier Leszek Miller zwölf Jahre lang seinen Immobilienmarkt blockieren - aber nicht für EU-Bauern, die nach drei Jahren Pacht bereits Ackerland kaufen dürfen.

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