Wirtschaft : „Grabenkämpfe bringen nichts“

Lobbyist Matthias Wissmann über den Imagewandel der Branche und die Autoshow in Frankfurt

Herr Wissmann, Ihre erste Internationale Automobilausstellung (IAA) als VDA-Präsident beginnt nächste Woche. Was macht für Sie die Faszination dieser Messe aus?

Die IAA ist die weltgrößte Messe der Mobilität. Keine Autoshow ist internationaler. Hier sind nicht nur mehr Weltpremieren – von Herstellern aus Asien, Amerika und Europa – als anderswo zu sehen, hier zeigt vor allem auch die Zulieferindustrie aus aller Welt ihre Innovationen. Zugleich ist diese IAA ein Forum für die gesellschafts- und verkehrspolitische Diskussion rund ums Automobil.

Umwelt, weniger Spritverbrauch und ein geringerer CO2-Ausstoß werden zentrale Themen in diesem Jahr sein. Erleben wir eine „grüne“ IAA?

Diese IAA wird sicherlich keine Grüne Woche – aber die Frage, wie wir die Kraftstoffeffizienz steigern und damit die CO2-Emissionen weiter senken, wird sich wie ein roter Faden durch die Ausstellung ziehen. Wir öffnen den Blick nach vorn, zeigen Lösungen, wie wir einerseits den Mobilitätswünschen der Menschen auch künftig entsprechen können – und andererseits den ökologischen Gesichtspunkten mehr Gewicht verleihen. Sparsamer Verbrauch und Freude am Autofahren müssen keine Gegensätze sein.

Die deutsche Branche war in Sachen Umwelt und Klima in der Defensive. Beim Katalysator und Rußfilter hat sie keine glückliche Figur gemacht. Jetzt geht sie in die Offensive. Was hat das Umdenken bewirkt?

Die deutsche Automobilindustrie nimmt ihre Verantwortung für den Klimaschutz ernst. Und das nicht erst seit heute. Schließlich haben wir den Durchschnittsverbrauch unserer Neufahrzeuge seit 1990 bereits um 25 Prozent gesenkt – und damit unsere nationale Selbstverpflichtung eingehalten. Damit geben sich unsere Unternehmen aber nicht zufrieden. Wir wollen gerade auch bei der Kraftstoffeffizienz unsere führende Position weiter ausbauen. Die IAA zeigt dazu viele Lösungswege.

Trotzdem wird es für die deutsche Autoindustrie offenbar schwierig, den EU-Zeitplan zur CO2-Minderung bis 2012 einzuhalten, wie Mercedes andeutet. Was ist zu tun?

Die geplante EU-Regulierung bezieht sich auf die gesamte europäische Automobilindustrie. Alle Hersteller in Europa müssen sich anstrengen. Insbesondere unsere französischen und italienischen Freunde sind aufgefordert, auch ihren Teil beizutragen, damit wir etwas für das Klima tun. Dass sich die deutschen Hersteller dieser Herausforderung stellen werden, steht außer Frage. Es kann aber nicht alles über einen Kamm geschoren werden. Wir brauchen einen segmentbezogenen Ansatz, der den unterschiedlichen Verbrauch eines großen Familienvans gegenüber einem kleinen Stadtauto berücksichtigt.

Haben die Autokäufer verstanden, was in Sachen Klima diskutiert wird?

Wer derzeit die gemeinsamen Anzeigen verschiedener deutscher Hersteller sieht, der erkennt, dass sich auch beim Marketing viel verändert hat. Aber mit Werbung allein ist es nicht getan. Wichtig ist, dass auch die entsprechend effizienten Modelle angeboten werden. Hier haben die deutschen Marken erheblich zugelegt: Der Inlandsabsatz deutscher Pkw, die weniger als 130 Gramm CO2 pro Kilometer emittieren, hat sich in den ersten sieben Monaten dieses Jahres um 27 Prozent erhöht, während unsere Wettbewerber in diesem Segment einen leichten Rückgang hinnehmen mussten.

Reden Sie mit Kritikern, mit Umweltschützern und mit Greenpeace?

Ich habe von Anfang an den Dialog gerade auch den Umweltgruppen oder den Grünen angeboten – und zahlreiche Gespräche geführt. Die Grünen werden nicht nur mit einem eigenen Stand auf der IAA vertreten sein, sondern Fritz Kuhn und ich werden auf dieser Messe öffentlich debattieren. Ideologische Grabenkämpfe führen zu nichts. Wer nachhaltige Mobilität nicht nur als Leitmotiv dieser IAA versteht, sondern als langfristige strategische Aufgabe, muss sich öffnen.

Der VDA setzt auf eine Kfz-Steuer, die sich am CO2-Ausstoss orientiert. Finden Sie in Berlin und Brüssel Gehör?

Dass sich die Bundesregierung für eine CO2-basierte Kfz-Steuer ausgesprochen hat, die nicht nur Neufahrzeuge umfasst, sondern auch den Bestand, ist gut. Jetzt geht es darum, diesen Ansatz rasch in Gesetzesform zu gießen und umzusetzen. Eine CO2-basierte Kfz-Steuer hat den großen Vorteil, dass sie Anreize für den Kauf neuer und verbrauchsgünstiger Fahrzeuge setzt. Damit wäre dem Klima gedient – und gleichzeitig der Konjunktur.

Die Wirtschaft läuft gut, die Menschen haben mehr Geld. Aber der Aufschwung geht an der Autoindustrie vorbei. Warum?

Anfang des Jahres waren die Nachwirkungen der Mehrwertsteuererhöhung zu spüren. Zudem sind die Bürger verunsichert, weil sie nicht erkennen können, wie sich die Mobilitätskosten entwickeln. Eine CO2-basierte Steuer wirkt dem entgegen. Die IAA wird für eine positive Stimmung sorgen. Die zahlreichen Weltpremieren machen neugierig. Wirtschaft ist immer auch Psychologie.Es kann allerdings sein, dass wir den „Ruck“ erst Anfang 2008 in voller Stärke erleben.

Das Interview führte Rolf Obertreis.

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