Wirtschaft : Grassos Fehler

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Dick Grasso, einer der besseren Vorstände der New Yorker Börse, musste zurücktreten, weil er . . . zu viel verdiente?

Ohne Kenntnis der Wirtschaftsskandale der letzten zwei Jahre müsste einem das komisch vorkommen. Grasso musste jedoch nicht nur wegen seines übergroßen Lohns gehen, sondern auch, weil den Vorstandsmitgliedern erst jetzt aufging, wie viel sie ihm gezahlt hatten. Dem Chef des Lohnkomitees, Carl McCall, war anscheinend nicht ganz klar, dass er 140 Millionen Dollar angesammelter Prämien und Zuschläge für Grasso abgesegnet hatte. Als das herauskam, war klar, dass sein Kopf rollen würde – der von Grasso, nicht der von McCall. Grassos großer Fehler war, dass er all das Geld annahm, dass der Vorstand ihm zahlen wollte. Dieser Fehler kostete ihn den Job.

Aktien können theoretisch überall und nirgendwo (im Cyberspace) gehandelt werden. Dennoch laufen die meisten Geschäfte noch immer über die New Yorker Börse. Grasso vollbrachte Wunder mit der Einführung moderner Technologie und indem er Unparteilichkeit zum Markenzeichen der Börse machte. Dennoch sehen einige die Zukunft im elektronischen Börsenhandel, was die New Yorker Börse hauptsächlich deshalb verschleppt habe, weil das gegenwärtige System Insidern Vorteile verschafft. Die Umwandlung der Börse in eine Aktiengesellschaft würde zeigen, ob ihr Geschäft noch Zukunft hat. Insbesondere, wenn die Gesetze abgeschafft würden, die den Wettbewerb mit elektronischem Handel verhindern. Als AG müsste die Börse die von Firmen heutzutage verlangte Transparenz bieten.

Wie erreicht man das? Grasso ist weg, obwohl wir ihn lieber als Vorstandschef gehalten und einen neuen Vorstand einberufen hätten. Dieser hätte dann einen strikten Zeitplan für die Umwandlung in eine AG aufstellen müssen. Jetzt wird es auf die harte Tour gemacht. Erst muss ein neuer Vorstandschef her, dann muss der Vorstand ausgetauscht werden. McCall und seine Kollegen haben das Vertrauen der Öffentlichkeit verspielt. Sie haben sich als unfähig erwiesen, verantwortlich mit dem Ansehen der Börse umzugehen. Mit dem Geld der Investoren, die die New Yorker BörsenAG für eine gute Anlage halten, werden sie genauso unverantwortlich umgehen.

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