Wirtschaft : Gratwanderung für Greenspan

US-Notenbank hat den Aufschwung zu früh gesehen, aber die Zinsen sind schon so tief wie seit 40 Jahren nicht

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Berlin (mot). Die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) hat auf ihrer Sitzung am Dienstag die Zinsen unverändert gelassen. Damit bleibt der Hauptleitzins bei 1,75 Prozent. Dies war von der Mehrzahl der Volkswirte erwartet worden. Zugleich warnte die Fed aber erstmals seit März wieder vor den Gefahren einer weiteren Konjunkturabschwächung, worin Analysten ein Signal für eine mögliche Zinssenkung im Jahresverlauf sahen. Anleger in den USA und Europa hatten mit Spannung auf die Einschätzung des US-Notenbank-Chefs Alan Greenspan über die Wachstumsaussichten für die US-Wirtschaft gewartet.

„Alle warten darauf, dass nichts passiert“, beschrieb ein Händler die Situation vor der Zinsentscheidung. Dies hielt viele Anleger jedoch nicht davon ab, ihre in den vergangenen Tagen erzielten Kursgewinne mitzunehmen und Aktien zu verkaufen. Der Dax erholte sich bis zum Abend leicht und schloss bei 3683 Zählern (plus ein Prozent). Die Wall Street regaierte dagegen mit deutlichen Kursverlusten auf die Entscheidung der Fed, die Leitzinsen nicht zu senken. Der Dow-Jones-Index fiel um 206,50 Zähler oder 2,38 Prozent auf 8482,39 Punkte.

„Die Fed wird ihr Pulver trocken halten für den Fall, dass es mit der US-Konjunktur doch steiler bergab geht“, sagte Ulrich Kater, Leiter der Volkswirtschaftlichen Abteilung der DGZ-Deka-Bank, dem Tagesspiegel vor der Entscheidung. Der Handlungsspielraum der US-Notenbank ist eingeschränkt, weil die Leitzinsen auf den niedrigsten Stand seit 40 Jahren gefallen sind. Fed-Chef Alan Greenspan steht vor einem Dilemma: Zum einen hat er im Frühjahr mit seinen Prognosen für die zweite Jahreshälfte 2002 offenbar zu viel Optimismus verbreitet, den er mit einer Zinssenkung wieder relativieren müsste. Zum anderen würde eine Zinssenkung, die von den Börsen normalerweise mit steigenden Kursen aufgenommen wird, dem Markt zweifelsfrei signalisieren, dass es um die US-Konjunktur schlecht bestellt ist. Ein erneuter Kursrutsch wäre wahrscheinlich.

Pessimisten fürchten, dass sich die amerikanische Wirtschaft nach dem Konjunkturabschwung nicht erholt, sondern ein zweites Mal in eine Rezession fällt („double dip“). Ihr Argument: Nach dem massiven Rückgang der Kurse haben die privaten Haushalte ihren Konsum eingeschränkt und die Unternehmen Investitionen zurückgestellt.

Zumindest in den jüngsten US-Statistiken ist dieser Effekt allerdings noch nicht enthalten. Im Juli stiegen die Umsätze der Einzelhändler auf 304,3 Milliarden Dollar – zum Vormonat ein Plus von 1,2 Prozent, wie die am Dienstag veröffentlichte erste Schätzung des US-Handelsministeriums ergab. Im Jahresvergleich stiegen die Umsätze um 4,8 Prozent. Zudem korrigierten die Statistiker das Juni-Plus von 1,1 auf 1,4 Prozent nach oben. Auf den privaten Konsum entfallen in Amerika gut zwei Drittel der gesamten Wirtschaftsleistung – und der Einzelhandelsumsatz macht gut 40 Prozent der privaten Konsumausgaben aus.

Die US-Wirtschaft war nach drei negativen Quartalen Ende vergangenen Jahres erstmals wieder gewachsen. Im ersten Quartal dieses Jahres stieg das Bruttoinlandsprodukt auf hochgerechneter Jahresbasis um fünf Prozent. Das mit 1,1 Prozent schwächer als erwartet ausgefallene zweite Quartal hatte allerdings die Ängste vor einem erneuten Abrutschen in die Rezession geschürt. Die Fed erklärte am Dienstag nach den Beratungen ihres geldpolitischen Ausschusses, für die „überschaubare Zukunft“ gebe es das Risiko einer weiteren wirtschaftlichen Abschwächung. Dabei verwies sie auf die erhöhte Unsicherheit im Zuge der jüngsten Kursverluste an den Aktienmärkten und der Ungereimtheiten bei den Konzernbilanzierungen.

Auch nach Einschätzung des Internationalen Währungsfonds (IWF) haben sich die Bilanzskandale und die Börsentalfahrt auf die reale Weltwirtschaft ausgewirkt, so dass die Wachstumsprognose des IWF von weltweit 2,3 Prozent für 2002 wohl nicht aufrecht zu erhalten ist. Die Risiken für eine Abkühlung sind auch in Europa gewachsen. „Der Konjunkturaufschwung bleibt stecken“, sagte der Präsident des Mannheimer Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), Wolfgang Franz. Die Konjunktur-Erwartungen von 315 befragten Analysten und institutionellen Anlegern sind im August so stark gesunken wie seit zwei Jahren nicht mehr. „Offenbar fordern die Verluste am Arbeitsmarkt nun ihren Tribut“, hieß es beim ZEW.

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