Wirtschaft : Green Card: Deutsche Industrie fordert mehr Fachkräfte

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Für die deutsche Industrie wird der Mangel an qualifizierten Fachkräften zunehmend zur Wachstumsbremse. Nach groben Schätzungen können bislang rund 100 000 Spezialisten-Stellen nicht besetzt werden. Die Ankündigung von Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD), die Green-Card-Regelung für ausländische Computerexperten nun auf andere Branchen ausweiten zu wollen, stößt deshalb auf große Zustimmung, wie eine Umfrage ergab.

Christoph Kannengießer, Geschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), bezeichnete den Vorstoß des Kanzlers allerdings nur als zweitbeste Lösung. Benötigt werde vielmehr ein Gesamtkonzept für eine erleichterte Zuwanderung, "nicht eine Insellösung für einzelne Branchen". Bundesweit gebe es mittlerweile wieder rund 1,3 Millionen offene Stellen, in vielen Bereichen der Industrie zeichne sich inzwischen "ein krasser Arbeitskräftemangel" ab, sagte er. Allein in der Metall- und Elektroindustrie seien bereits gut 10 000 Stellen unbesetzt, es fehle vor allem an qualifizierten Ingenieuren. Engpässe gebe es aber auch bei den Pflegeberufen. Die Green-Card-Regelung könne da nur "ein erster Schritt" sein.

Die bisherige Green-Card-Regelung für Computer-Experten, die im Sommer vergangenen Jahres in Kraft trat, hat sich nach Ansicht vor allem der großen Konzerne bewährt. Bis Mitte Januar haben nach Angaben der Bundesanstalt für Arbeit knapp 5000 ausländische Experten der Computer- und Softwarebranche die Möglichkeit einer auf fünf Jahre befristeten Anstellung in Deutschland genutzt. Die Arbeitsämter hätten "unkompliziert, schnell und unbürokratisch" reagiert, heißt es etwa bei der Siemens AG. Der Konzern habe rund 200 Mitarbeiter über die Green-Card-Regelung eingestellt, mehr als 300 könnten es werden. Lob gibt es auch bei SAP. "Wir können viel flexibler Mitarbeiter nach Deutschland holen", sagt Sprecher Markus Berner. 60 Green-Cards hat das Walldorfer Software-Unternehmen bislang genutzt. Bei der Deutschen Telekom waren es Anfang des Jahres 25.

Ähnliches können sich auch andere Unternehmen vorstellen. Der Pharmakonzern Schering etwa würde "jede Regelung begrüßen, die die Anstellung internationaler Experten erleichtert", sagte ein Sprecher. Im Bereich Biologie, Medizin, Chemie und Biochemie gebe es einen "regelrechten Wettlauf um die besten Köpfe weltweit". Experten, die man nach Deutschland holen wolle, müssten derzeit ein "teilweise entwürdigendes Prozedere" der Arbeitsgenehmigung über sich ergehen lassen. Für den Standort Deutschland sei dies ein großer Wettbewerbsnachteil. Viele Wissenschaftler würden sich nicht nur auf Grund der Sprache für eine Anstellung in den USA oder in Großbritannien entscheiden.

Auch beim Verband der deutschen Maschinenbauer (VDMA) sieht man einen "großen Nachholbedarf". Bereits jetzt seien 12 000 Stellen für Ingenieure unbesetzt, Tendenz steigend, sagte VDMA-Sprecher Alexander Batschari. "Gäbe es nicht den Mangel an qualifizierten Mitarbeitern, hätten viele Betriebe ihre Produktion schneller hochfahren können." VDMA-Präsident Eberhard Reuther habe deshalb schon im vergangenen Jahr eine Green-Card für Studenten gefordert. Es sei unsinnig, ausländische Studenten nach dem Abschluss in Deutschland wieder in die Heimat zu schicken, während sie hier zu Lande dringend benötigt würden. Ein Sprecher des Bundesarbeitsministeriums sagte am Freitag, entsprechende Konzepte gebe es bereits. Sie könnten "schnell umgesetzt" werden.

Eine rasche Öffnung sei überfällig, heißt es auch beim Verband der Chemischen Industrie (VCI). Die Auflagen für die Green-Card seien zu restriktiv. Wer nur fünf Jahre bleiben dürfe, bewerbe sich gleich in den USA, sagte VCI-Sprecher Volker Kalisch. "Deutschland muss insgesamt attraktiver für ausländische Experten werden."

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