Wirtschaft : Green Cards: Deutschland interessiert die Russen nicht

Alia Begisheva

Konstantin Schljapkin hat schnell begriffen, dass es im neuen Russland keinen Platz für Ingenieure gibt. Deswegen geht es ihm heute besser als vielen anderen russischen Akademikern. Nach einem fünfjährigen Studium an der Hochschule für Luftfahrttechnologie lernte er das Programmieren und fand sofort Arbeit in einer Privatfirma in seiner Heimatstadt Moskau. Der 25-Jährige verdient umgerechnet knapp 1000 Mark im Monat, eine eigene Wohnung kann er sich nicht leisten, dafür einen neuen Lada 110, mit dem er seine Freundin Mascha von der Musikhochschule abholt.

Von der Green-Card-Initiative der Bundesregierung hat Konstantin auch schon gehört. Und mit seinen guten Deutschkenntnissen hätte er mühelos eine Stelle in Deutschland finden können. Doch Konstantin will nicht nach Deutschland. Informatiker sind auch in Russland heiß begehrt, und ihre Gehälter sind für russische Verhältnisse gar nicht so schlecht. Ein IT-Spezialist verdient zwischen 500 und 700 US-Dollar. Und im Internet finden sich auch Stellenangebote mit Monatsgehältern von 1000 Dollar. Zum Vergleich: Ein Labortechniker mit Universitätsabschluss muss sich selbst bei einer ausländischen Firma mit maximal 300 Dollar zufrieden geben.

Obwohl die russischen Informatiker in Deutschland mehr Geld verdienen würden - laut der Green-Card-Verordnung darf das Mindestgehalt 77 400 Mark nicht unterschreiten - finden viele Russen das Angebot uninteressant. "Wir dürfen maximal fünf Jahre in Deutschland arbeiten", begründet Konstantin seine Entscheidung, "und das schränkt mich in meiner Handlungsfreiheit ein." Konstantin hat Angst, dass nach fünf Jahren in Russland nichts mehr so ist, wie es war. Ein Arbeitsaufenthalt im Ausland würde einem deutschen Arbeitnehmer nur Vorteile bringen, ein Osteuropäer riskiert dagegen, den Anschluss im Heimatland zu verlieren. Die politische und wirtschaftliche Instabilität zwingt die Russen, flexibel zu sein. Wer nicht aufpasst, ist schnell arbeitslos. Und die Schlange der Arbeitssuchenden ist lang. Fünf Jahre ohne neue Kontakte im Heimatland: Das kann sich kaum jeman leisten.

Und es gibt noch etwas, was Konstantin und seine Kollegen bei Irito-Holding, einem großen Zulieferer der Automobilindustrie, abschreckt. Vorübergehenden Arbeitskräftemangel zu überbrücken, das ist Dmitrij Lovkin zu wenig. "Sobald deutsche Computerspezialisten ausgebildet sind, werden wir einfach rausgeschmissen." Der Informatiker hat vor kurzem ein Angebot aus Irland abgelehnt, weil er gehört hat, dass "Russen billiger als Inder" gehandelt werden. Wenn er für immer nach Deutschland kommen könnte, würde er über das Angebot aus Deutschland nachdenken, sagt Dmitrij Saizev, Spezialist für Internet-Telefonie. "Die Möglichkeit, nach Kanada oder in die USA auszuwandern, reizt mich schon", sagt er. Dort kann man bereits nach zwei Jahren den Antrag auf Einbürgerung stellen. Bis jetzt kamen nach Angaben der Bundesregierung knapp 6000 IT-Spezialisten im Zuge der Green-Card-Initiative nach Deutschland. Lediglich 818 stammen aus den GUS-Staaten. Einigen Schätzungen zufolge fehlen heute 400 000 IT-Fachkräfte in Deutschland.

"Ich habe von diesem Programm noch gar nichts gehört", sagt Julia Nosatova. In einem halben Jahr ist die Informatik-Studentin an der Technischen Universität in Moskau mit ihrer Ausbildung fertig. Mit der Arbeit in Deutschland werde an ihrer Universität nicht geworben, lediglich mit einigen wenigen Praktikumsplätzen. "Ich bin mir aber sicher, dass ich eine Arbeit in Russland finde," sagt Julia.

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