Wirtschaft : Greenspan verwirrt die Finanzmärkte

US-Notenbankchef deutet Zinswende an/Euro schwankt heftig

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Berlin (mot). Alan Greenspan bereitet die Finanzmärkte auf eine Zinserhöhung in den USA vor. Der Präsident der amerikanischen Notenbank Fed sagte am Mittwoch, die USWirtschaft sei in eine „Phase lebhafter Expansion“ eingetreten, die höhere Zinsen zur Dämpfung der Inflation rechtfertigen könnte. Ein allgemeiner Anstieg des Preisniveaus sei aber noch nicht feststellbar, sagte Greenspan vor dem US-Kongress. Nachhaltiges Wachstum sei generell nur bei stabilen Preisen möglich. „Die Notenbank wird – wenn nötig – handeln, um für diese Stabilität zu sorgen“, sagte Greenspan.

Unterstrichen wurde Greenspans positive Sicht der aktuellen konjunkturellen Lage durch das jüngste Beige Book, in dem die US-Zentralbank die aktuellen Wirtschaftstrends zusammenfasst. Es wurde am Mittwochabend vorgestellt. Danach hat sich die wirtschaftliche Erholung in den USA in den meisten Regionen beschleunigt – und wirkt leicht positiv auf den Arbeitsmarkt. Auch der Internationale Währungsfonds (IWF) äußerte sich am Mittwoch sehr positiv zur US- und zur Weltkonjunktur insgesamt – und hob seine Prognosen an.

Die Äußerungen Greenspans und die positiven Wirtschaftsdaten wurden von Beobachtern mit Erleichterung aufgenommen. Am Vorabend hatte Greenspan die Märkte noch mit der Aussage irritiert, das Bankensystem sei „gut positioniert, um mit steigenden Zinsen zurechtzukommen“. Der Fed-Chef hatte vor dem Bankenausschuss des Senats damit Befürchtungen geweckt, die Zinsen könnten schneller als erwartet steigen. „Das war für Greenspans Verhältnisse relativ deutlich“, kommentierte Thomas Amend, Volkswirt bei HSBC Trinkaus&Burkhardt, die Aussage.

Am Rentenmarkt war es nach der Greenspan-Rede zu einem Kursrutsch gekommen. Der Euro sackte auch am Mittwoch bis auf 1,1815 Euro – den tiefsten Stand seit Ende November 2003. Der Dax gab am Mittwoch nach, konnte seine Verluste aber wieder teilweise wett machen. Und die US-Börsen drehten schließlich sogar teilweise ins Plus. Der Euro blieb allerdings schwach. „Die Reaktion auf Greenspans Rede am Dienstag war übertrieben“, sagten Händler. Grund der Übertreibung war Greenspans Bemerkung, die Deflation – also dauerhaft sinkende Preise bei nachlassender Nachfrage – sei für die Konjunktur kein Problem mehr. Damit war klar: Die Inflation rückt ins Zentrum der Aufmerksamkeit der Fed.

Analysten sprachen von fluchtartigen Bewegungen der Anleger. Für die Börse müssen steigende Zinsen aber nicht zwangsläufig negativ sein. Sollte die Notenbank die Zinsen moderat erhöhen, könnte dies die Aufmerksamkeit der Anleger stärker auf die Ertragslage der Firmen lenken. Sie könnten im beginnenden Aufschwung höhere Preise an ihre Kunden weitergeben, schreiben die Analysten von M.M. Warburg. Dies erhöhe die Erträge. „Insofern gehen wir nicht davon aus, dass die Aktienmärkte dauerhaft von den aktuellen Zinsängsten ausgebremst werden.“ Die Experten erwarten im August einen ersten Zinsschritt.

HSBC-Volkswirt Amend rechnet hingegen nicht wie viele seiner Kollegen noch 2004 mit einer Entscheidung. Greenspan habe häufig „Versuchsballons“ steigen lassen, um die Reaktion der Märkte zu testen. Die Notenbank werde wohl zunächst weitere Daten vom Arbeitsmarkt abwarten, die den positiven Trend im März bestätigen müssten. „200000 bis 250000 neue Stellen pro Monat müssten schon gemeldet werden, damit Greenspan aktiv wird“, sagte Amend.

Kritischer bewerten Experten die Situation am Devisenmarkt. „Sollte Greenspan die Erwartung befriedigen und verbal einen baldigen Zinsschritt vorbereiten, kann es bei Anleihen zum Ausverkauf kommen“, sagte Helaba-Devisenhändlerin Antje Praefke. Der Euro könne dann bis auf 1,17 Dollar fallen.

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