Wirtschaft : Greenspans Sehnsucht nach dem Präsidenten

Der Chef der US-Notenbank besucht das Weiße Haus immer öfter - dabei sollte er unabhängig sein

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Von Nell Henderson Die Besuche von USNotenbankchef Alan Greenspan im Weißen Haus sind mit Beginn der Präsidentschaft von George W. Bush sprunghaft angestiegen. Dies geht aus Protokollen hervor, zu denen ein Finanzwissenschaftler jetzt Zugang bekommen hat.

Seitdem die größten Gefahren für die US-Wirtschaft von Terrorismus und Krieg ausgehen, hat Greenspan den Kreis seiner Gesprächspartner auf Topregierungsbeamte wie Sicherheitsberaterin Condoleeza Rice, den Stabschef im Weißen Haus Andrew Card und Außenminister Colin Powell ausgedehnt. Michelle Smith, Sprecherin der US-Notenbank (Fed), sagt, Greenspan habe sich mit Außenpolitikern der Bush-Administration getroffen, um Fragen der internationalen Wirtschaftspolitik zu besprechen.

Hauptsorgen des obersten Währungshüters waren die US-Invasion im Irak sowie die Krise im Nahen Osten und die damit verbundenen Auswirkungen auf die weltweite Ölversorgung. Ein anderes Thema sei das Zusammenspiel von Wirtschafts- und Außenpolitik gewesen. „Nach der Auffassung von Greenspan muss die Notenbank alle denkbaren Möglichkeiten nutzen, um zur Stabilität der Wirtschaft beizutragen“, sagt Smith.

Nachdem der Notenbank in den 50er Jahren Unabhängigkeit garantiert wurde, waren ihre Chefs darauf bedacht, Abstand zur Politik zu wahren. Diese Unabhängigkeit hat der Geldpolitik der Fed an den Finanzmärkten viel Glaubwürdigkeit eingebracht. Und obwohl Greenspan während seiner 17-jährigen Amtszeit immer das Gespräch mit den Regierungsleuten gesucht hat, legte er stets großen Wert auf seine Unparteilichkeit.

Einige Vertreter der alten Bush-Regierung meinten, Greenspan sei zu Beginn seiner Amtszeit so unparteilich gewesen, dass er damit zur Wahlniederlage der Republikaner gegen Bill Clinton beigetragen habe.

Vor kurzem erklärte Präsident Bush, er werde Greenspan für eine fünfte Amtsperiode nominieren. Fast zeitgleich kündige die Fed an, bald mit der Erhöhung der Leitzinsen zu beginnen, um die höhere Inflation unter Kontrolle zu bringen.

Für Beobachter werfen die sich mehrenden Kontakte mit der Bush-Regierung einige Fragen auf. „Es hat den Anschein, als richte sich Greenspan nicht nur nach den wirtschaftlichen Trends, sondern auch nach den politischen“, sagt Kenneth H. Thomas. Der Dozent an der Wirtschaftschule Wharton der Universität Pennsylvania hatte unter Berufung auf das US-Gesetz über den Zugang zu Informationen Einsicht in den Terminkalender des Notenbankchefs erhalten. Seine Schlussfolgerungen veröffentlichte er im letzten Monat im Fachmagazin „American Banker“.

Obgleich er Greenspans Leistung als Chef der Fed lobt, sieht er die Besuche kritisch. Schließlich habe Greenspan den Präsidenten in der Frage der umstrittenen Steuersenkungen unterstützt und trete nun dafür ein, die Erleichterungen aufrecht zu erhalten. In einem Jahr der Präsidentschaftswahl könnten die engen Beziehungen zur Regierung „zumindest einen zweifelhaften Eindruck hinterlassen“, sagt der Wissenschaftler.

Das verstärkte Interesse Greenspans an Details über weltweite Entwicklungen passt in das Bild seiner Person. Der Notenbankchef ist dafür bekannt, dass er sich auch in die vertracktesten Methoden der ökonomischen Analyse einarbeitet und seine Mitarbeiter durch das Land schickt, um Unternehmen nach ihren Strategien zu befragen. Doch sein Vorgehen hat sich mit dem Amtsantritt von Bush stark gewandelt.

Greenspan hat sich mit den Topregierungsberatern zwar etwa ebenso oft getroffen wie in der zweiten Amtsperiode von Bill Clinton. Die Protokolle belegen allerdings einen steilen Anstieg der Zahl der Besuche bei anderen Offiziellen. Kam er von 1996 bis 2000 jährlich im Durchschnitt auf drei solcher Treffen, absolvierte er von 2001 bis Ende 2003 durchschnittlich 44 Besuche bei den Regierungsvertretern. Allein in den ersten drei Monaten 2004 belief sich die Zahl solcher Zusammenkünfte auf zwölf.

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