Wirtschaft : Greisinnen kaufen Babynahrung, Opas kaufen Lippenstift

ELKE WINDISCH

MOSKAU ."Guten Abend, meine Damen und Herren, es ist 20 Uhr und dreißig Kopeken", verkündete am Montag abend eine glockenhelle Stimme im Moskauer Softradio "Silberregen".Unwidersprochen: Der Lapsus der Nachrichtensprecherin war ihr selbst offenbar ebenso entgangen wie den meisten Hörern.Seit Rußlands Zentralbank den Rubel Mitte August von der Leine ließ, rangieren Meldungen über Devisenkurse wieder dort, wo sie der private Hörfunk Anfang der 90er Jahre bei einer Inflationsrate von 1700 Prozent jährlich placierte - vor der Politik, pikanten News über das Liebesleben von Madonna und sogar dem Wetter.

"Oh Gott", stöhnt Computerspezialist Maxim, "so tief kann der Rubel doch unmöglich in zwei Tagen gefallen sein." Kann er nicht nur, ist er schon.Maxim hat das Wochenende auf der Datsche verbracht und weiß noch nicht, daß der Dollar, der Freitag mittag noch für 14 Rubel zu haben war, jetzt 17 kostet.Offiziell und rein theoretisch.Praktisch sind seit Tagen nicht mal italienische Lira und türkische Pfund im Angebot.Geldautomaten spucken Scheckkarten nach dem Knopfdruck der Dollar-Taste als unbrauchbar aus, und Banken verweigern sogar Ausländern, die ihr Konto im Westen haben, Barauszahlungen auf Kreditkarte.

Ende August kauften offizielle Wechselstuben grüne Dollars für höchstens zehn Rubel an.Wer Dollar jetzt zu einem Kurs von unter zwanzig umrubelt, gilt als faul oder Depp.Verkäufer sind dennoch eher selten.Wer noch "Valjuta" hat, geht lieber auf den Schwarzmarkt.Dort wurden am Montag schon um die 30 Rubel für einen Grünen geboten.Das Ende der Fahnenstange sei noch lange nicht erreicht, glaubt einer der Dealer."Die Leute kaufen zu jedem Preis." Und spielen erneut das halbvergessene Lieblingsspiel der frühen 90er.Das geht so: Zum Kiosk rennen, Wirtschaftszeitung kaufen, nachgucken, wo Dollars am günstigsten verkauft werden, tauschen.Dann nichts wie hin zu der Wechselstube, wo es für die gerade getauschten Dollars die meisten Rubel gibt, zurücktauschen und zusehen, daß man Waren bekommt, deren Preis noch nicht oder nur wenig erhöht wurde.Egal was.Greisinnen kaufen Babynahrung und Kinderkleidung, Opas Parfüm, Lippenstifte und Seifenpulver.Irgendwann wird das Zeug noch teurer, und dann verkauft man es oder tauscht es gegen Lebensmittel ein.

Die Moskauer telefonieren seit je gern und ausgiebig, weil Ortsgespräche bislang nichts kosten.In Krisenzeiten erreicht die Telefonitis ihren Höhepunkt.Einziges Thema der Dauerquasselei: Wer hat was, wann, wo und für wieviel ergattert.Die meisten Moskauer nutzten das Wochenende für Hamsterkäufe auf Großmärkten unter freiem Himmel, bei denen die ganze Familie mit eingespannt wurde.Zuerst war der Zucker irgendwo alle, kurz darauf in der ganzen Stadt.Dann gingen auch Mehl, Reis, Bohnen und Graupen zur Neige.Wie zur Endzeit der Prestroika gab es auf einem Lebensmittelmarkt am Sonntagabend nur noch zwei Flaschen Sonnenblumenöl pro Mann.

Täglich steigen die Lebensmittelpreise um genau den Wert, den der Rubel gegenüber dem Dollar verliert - durchschnittlich 10 bis 15 Prozent.Anfänglich nur Importe, jetzt reißt der Sog des Marktes auch einheimische Erzeugnisse mit nach oben.Gerade in Moskau, das sich zu über 70 Prozent aus importierten Lebensmitteln versorgt, sind leere Regale, wie zu kommunistischen Zeiten, wieder die Regel und keineswegs die Ausnahme.Zuerst verschwand der Früchtejoghurt aus Deutschland, dann "Mars" und "Snickers", nun verabschieden sich auch Brühwürfel, Tütensuppen und Nudeln.Und die beliebte Salami "Prasdnitschnaja".

Moskaus Stadtregierung hat bereits ein Sonderprogramm mit dem Titel "Lebensmittel-Sicherheit" als vertrauliche Verschlußsache verabschiedet.Ab sofort dürfen Hersteller und Großhandel Lebensmittel nur noch an Moskauer Einzelhändler ausliefern.Milizposten sind vor den Toren von Betrieben und Kühllagern in Stellung gegangen und haben strengste Order, jedweden illegalen Abtransport notfalls mit Waffengewalt zu verhindern.Und an allen Ausfallstraßen kontrolliert die Polizei neuerdings Fahrzeugpapiere und Frachtbrief.Einige Regionen planen bereits die "limitierte Verteilung von Grundnahrungsmitteln" - im Klartext: die Wiedereinführung von Lebensmittelkarten.Gestern früh wechselten die Tankwarte in Moskau und im Moskauer Gebiet die Preisschilder aus.Super wurde um 40 Prozent teurer, einheimisches 76er-Gemisch zog um 15 Prozent an.Böses ahnend, kauften die Autobesitzer schon Ende voriger Woche, was nur irgendwie in Reservetanks und Kanistern Platz hatte.

Schlangen bilden sich auch vor den Konsularabteilungen der Botschaften.Etwa 113 000 Rußlanddeutsche haben sich irgendwann mal die Einreisegenehmigung geben lassen, auf deren Einlösung und den deutschen Paß bisher jedoch verzichtet."Das war so eine Art Rettungsleine für den schwarzen Tag.Wir haben immer gehofft, er kommt nicht.Doch nun ist er wohl da", sagt Diplomingenieur Andrej Boese (Name von der Redaktion geändert) aus Silberfeld im deutschen Nationalkreis Asowo: Boese hat keineswegs Angst, daß seine Familie verhungern müßte.In den siebzehn deutschen Dörfern bei Omsk in Westsibirien hat fast jeder eine Kuh, ein paar Schweine, einen Gemüsegarten und ein Stück Ackerland."Es ist eher, weil wir mit die Russen nicht mehr auskommen.Früher haben wir zusammen gesungen und gesoffen.Doch jetzt sagen die: Haut endlich ab in euer Deutschland".

Mehr lesen? Jetzt gratis E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben