Grenzen der Innovation : Ist das Smartphone schon zu perfekt?

Das Smartphone wird zur Universalfernbedienung des Alltags, es lässt sich aber kaum noch optimieren.

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Kaffee per Smartphone: Fast alle Geräte im Haus lassen sich inzwischen mit dem Handy steuern.
Kaffee per Smartphone: Fast alle Geräte im Haus lassen sich inzwischen mit dem Handy steuern.Foto: Getty Images

Wie so viele Smartphone-Hersteller wirbt auch Bas van Abel auf der Ifa mit einer neuen, viel besseren Kamera. Und doch unterscheidet sich der Chef und Gründer von Fairphone dabei deutlich von der etablierten Konkurrenz: Denn die Kamera können Nutzer selbst einbauen und damit auch ältere Geräte nachrüsten. Wie leicht das geht, demonstriert Abel selbst: Mit wenigen Handgriffen zerlegt er sein Telefon in fünf Teile. Mit einem Schraubenzieher montiert der Niederländer dann die Kamera. Durch die modulare Bauweise können auch gebrochene Displays oder leistungsschwache Akkus einfach getauscht werden. „Das Fairphone kann man so bis zu fünf Jahre benutzen“, sagt Abel.

Erstmals besitzen mehr Deutsche ein Smartphone, als einen Computer

Damit trifft er womöglich einen Nerv. 85 Prozent der Deutschen besitzen inzwischen ein Smartphone und damit in diesem Jahr zum ersten Mal mehr als klassische Computer. Doch zehn Jahre nachdem das erste iPhone den Grundstein für den Smartphone-Boom begründete, sind die Innovationssprünge nicht mehr so hoch wie in den ersten Jahren. Manche Nutzer fragen sich, ob man wirklich alle zwei Jahre ein neues Gerät braucht. Es ist paradox: Die Zahl der Anwendungen, ob Waschmaschine oder Kühlschrank, wächst. Auf der Ifa gibt es kaum eine Geräteklasse, die man inzwischen nicht auch mit dem Smartphone steuern kann. Mit der Universalfernbedienung und dazugehörigen Anwendungen werden in diesem Jahr laut einer Studie von Bitkom und Deloitte allein in Deutschland 45 Milliarden Euro umgesetzt. Das Smartphone trägt damit 1,4 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei.

Doch andererseits wirkt es so, als ob sich das Smartphone kaum noch verbessern lasse. „In der ganzen Branche fehlen derzeit revolutionäre Innovationen“, räumt der Deutschland-Chef von Huawei, William Tian, ein. Der chinesische Handybauer ist der Shootingstar der letzten Jahre und selbst Apple dicht auf den Fersen. Nach Zahlen des Marktforschers Canalys hat Huawei im vergangenen Quartal weltweit 38 Millionen Smartphones verkauft. Damit lagen die Chinesen nur noch knapp hinter Apple, die 41 Millionen iPhones absetzten. „In Ländern wie Italien oder Spanien sind wir schon die Nummer zwei“, sagt Tian.

Shootingstar Huawei hat Apple teils schon überholt

Doch er will sich nicht damit begnügen, den Smartphone-Erfinder aus Cupertino bei den Verkaufszahlen zu überholen, sondern sagt auch Marktführer Samsung den Kampf an: „In China sind wir die absolute Nummer eins und das ist natürlich auch sonst unsere Ambition.“ Dabei verkauft Huawei auch immer mehr höherwertige Geräte. Während die durchschnittlichen Verkaufspreise vor zwei, drei Jahren noch zwischen 100 und 200 Euro lagen, erzielt das Unternehmen nun das Doppelte. Und auch Topmodelle für bis zu 600 Euro sind immer stärker gefragt. „Wir waren die ersten mit einer Dual-Kamera“, sagt Tian. Auch auf der Ifa wirbt er bei neuen Modellen mit den Doppellinsen. Die ermöglichen Effekte, wie bislang nur professionelle Kameras: So kann bei Aufnahmen, beispielsweise Porträts, der Hintergrund unscharf abgebildet werden.

Auch Samsung hat bei seinem neuen Modell Galaxy Note 8 erstmals zwei Kameras verbaut. Zudem erstreckt sich nun wie schon beim Galaxy 8 das Display fast über die ganze Vorderseite. Der Rahmen wurde soweit reduziert, dass die Front fast nur aus Bildschirm besteht. „Beim Display sind wir damit inzwischen an den Grenzen angekommen“, sagt Samsung-Manager Mario Winter.

Wann kommen flexible oder faltbare Bildschirme?

In den Laboren wird zwar schon seit langem mit neuen Materialien und Konzepten wie faltbaren Bildschirmen experimentiert. „Doch flexible Bildschirme sind noch lange nicht so weit, wie in den Science-Fiction-Filmen“, sagt John Grøtting von der zu Accenture gehörenden Innovations- und Designberatung Fjord. Große visuelle Änderungen werden seiner Ansicht nach noch Jahre dauern. Allerdings erwartet er trotzdem, dass die Bedeutung des Smartphones noch zunimmt. „Die Rechenleistung ist oft so gut wie von einem Laptop“, sagt Grøtting. Er fragt sich daher, ob man mittelfristig überhaupt beides braucht, oder nicht einfach das Handy an einen großen Bildschirm koppelt. Samsung bietet solche Dockingstationen beispielsweise schon an.

Wann kommt die nächste wirkliche Revolution? „Ich glaube nicht, dass es noch einmal zehn Jahre dauert“, sagt Alexandra Zaddach von Samsung. Sie persönlich wünscht sich beispielsweise als Erweiterung des Displays um dreidimensionale Hologramme. „Ich würde ja hoffen, dass das bis 2020 kommt“, sagt Zaddach, „aber wer weiß, ob es wirklich so schnell geht.“

Die Fairphone-Macher kämpfen währenddessen noch damit, das herkömmliche Smartphone haltbarer zu machen. Beim ersten Modell klappte das noch nicht wie geplant, denn die Ersatzteile sind inzwischen teils nicht mehr verfügbar. Daraus habe das Start-up gelernt. „Wir haben viel verbessert und nun eine stärkere Kontrolle über die Produktion“, sagt Abel. Die modulare Bauweise des Fairphone2 solle dafür sorgen, dass Teile auch ausgetauscht werden können, wenn nicht mehr die identischen wie im Ursprungsmodell hergestellt werden. Wer sich das Gerät anschaffen will, bei dem auch auf Herkunft und Produktionsbedingungen der Metalle geachtet wird, braucht jedoch Geduld. Die Lieferzeit beträgt derzeit zwei Monate.

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