Wirtschaft : Grenzenlose Liberalisierung der Finanzmärkte birgt Risiken

TOM WEINGÄRTNER

Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen plädiert für mehr Transparenz und stärkere KontrollenVON TOM WEINGÄRTNERDie Finanzkrise in Korea ist durch eine zu schnelle Öffnung des koreanischen Finanzmarktes mitverursacht worden.Es ist wohl kein Zufall, daß die Manager von UNDP, dem Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen, gerade jetzt mit dieser Behauptung an die Öffentlichkeit gehen.Im benachbarten Washington hält der Internationale Währungsfonds, IWF, seine Frühjahrstagung ab und seine Manager gelten weltweit als die Vorreiter einer schrankenlosen Liberalisierung der Kapitalmärkte.Bereits vor einem Jahr hatte UNDP eine eigene Untersuchung über die Folgen der Globalisierung veröffentlicht und sich damit zum Fürsprecher der Entwicklungs- und Schwellenländer gemacht.Jetzt legt die UN-Organisation in New York mit einer neuen Studie nach: Liberalisierung dürfe nicht mit Laissez-faire verwechselt werden. Grundsätzlich räumt man auch in New York ein, daß es für die meisten Entwicklungsländer keine Alternative zur Öffnung ihres Kapitalmarktes gibt, wenn sie private Anleger zum Investieren bewegen wollen.UNDP verweist unter anderem auf die Erfahrungen in Marokko und Tunesien.Diese Länder hätten den Rückgang der Entwicklungshilfe seit 1987 inzwischen durch den Zufluß privater Investitionen weitgehend ausgeglichen.Ein weiterer Vorteil sei, daß durch die Öffnung des Kapitalmarktes mehr Kredite für kleine und mittlere Firmen zur Verfügung stünden.Kurzfristig werde das Wachstum beschleunigt und eine gesamtwirtschaftliche Stabilisierung begünstigt. Auf mittlere Sicht könne diese Strategie aber nur erfolgreich sein, wenn Vorkehrungen gegen die damit verbundenen Risiken getroffen werden.Sie bestehen nach Ansicht von UNDP unter anderem in einem Rückgang der inländischen Ersparnis wie etwa in Mexiko Ende der 80er Jahre.Der leichte Zugang zu Krediten führe leicht zu einer Überschuldung sowohl der inländischen Wirtschaft gegenüber den Banken als auch der inländischen Banken gegenüber dem Ausland.Das rasch verfügbare Kapital fließe nicht immer in die richtigen Investitionen. Was in Spekulationen an den Börsen oder in Immobilien verlorengeht steht aber für die Bedienung der Schulden nicht mehr zur Verfügung.Deshalb bestehe die Gefahr, daß kurzfristige Kapitalzuflüsse sich rasch umkehrten und die Zahlungsfähigkeit eines Landes bedroht sei.Verhängnisvoll sei es beispielsweise gewesen, daß die koreanische Regierung 1995 dem Druck des Westens nachgegeben habe, der für den Beitritt Seouls zur OECD die Beseitigung nahezu aller Kapitalverkehrskontrollen verlangte.Das habe den koreanischen Handelsbanken die Möglichkeit eröffnet, sich massiv bei internationalen Gläubigern zu verschulden und dieses Geld in riskante Unternehmungen zu lenken.Hinzu kam, daß auch die koreanische Industrie sich direkt im Ausland verschulden durfte.Sie tat das auch und finanzierte damit nicht nur langfristig rentable Investitionen.Dagegen sei die langsame und behutsame Öffnung des chinesischen Marktes in mancher Hinsicht ein beispielhaftes Vorgehen. Wie der IMF verlangt auch UNDP von Banken und anderen Finanzinstitutionen mehr Transparenz.In vielen Entwicklungsländern müßten strengere Maßstäbe bei der Bankenaufsicht und insbesondere an die Kapitalausstattung angelegt werden.Unter anderem müßten Forderungen in Devisen durch entsprechende Vermögenswerte gedeckt sein.Notfalls sollten Konten von Ausländern teilweise unverzinst bleiben.Die Rolle internationaler Organisationen sieht UNDP vor allem in einer besseren Ausbildung.Nur gut ausgebildete Bankmanager könnten mit den Herausforderungen offener Märkte fertigwerden.UNDP-Chef James G.Speth versteht sich nicht, wie seine Kollegen beim IWF, als Krisenmanager.Wichtiger sei es, die Krisen zu verhindern. UNDP tritt auch dem Mythos entgegen, gegen die Dynamik der Finanzmärkte sei letztlich kein Kraut gewachsen.Eine Besteuerung grenzüberschreitender Kapitalbewegungen, wie sie bereits James Tobin gefordert hat, sei durchaus kein phantastisches Unternehmen.Eine geringfügige Belastung könnte sogar mehr bewirken als schwerfällige Kapitalverkehrskontrollen.Ansatzpunkt könnten nach der Untersuchung von UNDP die Vorschriften zur Geldwäsche sein, die vor allem in den USA und in Australien erlassen wurden.Die Praxis zeige, daß Kapitalbewegungen auch im Zeitalter globalisierter Finanzmärkte grundsätzlich kontrollierbar seien.In den USA werden der Studie zufolge jede Woche 200 000 Transaktionen von den Behörden überprüft.In Australien sind es 20 000 pro Tag.Die Autoren ziehen daraus den Schluß, daß Regierungen durch die Liberalisierung der Kapitalmärkte den Einfluß auf Kapitalbewegungen nicht automatisch verlieren.Unerwünschte Transaktionen könnten deshalb mit geeigneten Maßnahmen kontrolliert und auch verhindert werden.

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