Griechenland : Angst vor dem tiefen Schnitt

Der sogenannte Haircut zur Rettung Griechenlands ist unwahrscheinlich. Eine Schuldenstreckung ist weniger gefährlich für andere.

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Geballte Fäuste. Zehntausende Griechen protestierten am Sonntag erneut gegen die Sparpläne der Regierung. Foto: Reuters
Geballte Fäuste. Zehntausende Griechen protestierten am Sonntag erneut gegen die Sparpläne der Regierung. Foto: ReutersFoto: REUTERS

Athen/Berlin - Wäre Griechenland ein Unternehmen, hätten die Banken wahrscheinlich längst die Reißleine gezogen. Der Schuldenberg des Landes ist riesig und wird noch größer. Die Wirtschaft steckt in der Rezession, höhere Einnahmen kann der Finanzminister nicht erwarten. Und ob er weitere Sparmaßnahmen und Privatisierungen gegen den Widerstand durchsetzen wird, ist fraglich. Am Sonntag demonstrierten erneut Zehntausende gegen die Sparpolitik.

Die Finanzmärkte jedenfalls glauben nicht daran. Die Rendite zweijähriger griechischer Staatsanleihen liegt inzwischen bei über 25 Prozent. Die Investoren versuchen, ihre Forderungen gegen den griechischen Staat loszuwerden – und wer jetzt noch kauft, verlangt immer höhere Risikoaufschläge. Spätestens im Frühjahr 2012, wenn die Hilfskredite nicht mehr ausreichen, könnte eine Umschuldung unvermeidlich werden. Noch aber weigern sich die Gläubiger, IWF und EU, das Wort auch nur in den Mund zu nehmen.

Im Juni werde man Griechenlands „Schuldentragfähigkeit“ prüfen, sagt Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU). Sollten sich dabei Zweifel ergeben, müsse man „etwas unternehmen.“ „Ökonomisch wäre eine Umschuldung jetzt geboten“, sagt Nikolaus Heinen von DB Research. „Aus politischen Gründen wird sie wohl so lange wie möglich hinausgezögert.“ Der Chef des Euro-Rettungsfonds EFSF, Klaus Regling, wirft den Banken in dem Zusammenhang Profitgier vor. Sie heizten die Debatte über eine Umschuldung gezielt an, weil sie auf hohe Gewinne spekulierten, sagte Regling dem „Handelsblatt“. In den 80er- und 90er-Jahren hätten Banken für Restrukturierungen von Staatsschulden in Lateinamerika und Asien sehr hohe Honorare kassiert – „das würden sie in Europa gerne wiederholen“.

Die radikalste Lösung wäre ein Schuldenschnitt, der sogenannte Haircut. Dabei verzichten die Gläubiger auf einen Teil ihres Geldes. Der Vorteil: Griechenland könnte seine Staatsschulden auf einen Schlag deutlich reduzieren. Entsprechend würden die Kosten für den Schuldendienst fallen und der Staatshaushalt entlastet. Angesichts der Höhe des griechischen Schuldenberges, der dieses Jahr auf 340 Milliarden Euro anwachsen wird, was rund 150 Prozent des Bruttoinlandsprodukts entspricht, würde nur ein Schnitt von mindestens 30 Prozent Erleichterung bringen.

Entsprechend schmerzhaft wäre das für die Gläubiger. Allein bei den deutschen Banken hat der griechische Staat 26 Milliarden Dollar Schulden, hat die Bank für internationalen Zahlungsausgleich errechnet. Davon müsste dann ein beträchtlicher Teil abgeschrieben werden. Auf der anderen Seite würde „bei einem Schuldenschnitt die eine oder andere griechische Bank umfallen“, sagt LBBW-Analyst Olaf Kayser. Für noch gefährlicher hält der Analyst die Ansteckungsgefahr für den Rest der Euro- Zone. Wenn Griechenland umschuldet, könnten die Investoren Angst bekommen, dass Portugal dasselbe tut. Als nächstes würde es Spanien treffen, weil die Portugiesen ihre Schulden vor allem im Nachbarland gemacht haben. Die Spanier wiederum sind bei den Deutschen verschuldet, zum Beispiel mit 2,3 Milliarden Euro bei der Deutschen Bank, einem der wenigen Institute, das bislang stabil durch die Krise gekommen ist. Überdies hat die Bank auch Filialen in Spanien. „Spanien ist eines der Kernländer für die Deutsche Bank. Eine Krise in Spanien wäre ganz gefährlich für das Unternehmen“, sagt Kayser. „Eine Schuldenrestrukturierung könnte zu einer Kettenreaktion in den Peripherieländern führen. Sie darf nur auf freiwilliger Basis erfolgen“, sagt darum Michael Kemmer, Hauptgeschäftsführer des privaten Bankenverbandes. Und Jürgen Stark, der Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank (EZB) warnte kürzlich, die Umschuldung eines Mitgliedslands könnte die Auswirkungen der Lehman-Pleite in den Schatten stellen.

Betroffen wären nicht nur private Investoren. Die FMS Wertmanagement, die Abwicklungsanstalt der Hypo Real Estate, soll griechische Staatsanleihen in Höhe von 9,5 Milliarden Euro halten. Für die Verluste der FMS haftet der Steuerzahler. Auch die EZB selbst hat griechische Staatsanleihen von rund 40 Milliarden Euro aufgekauft. Bei einem Haircut bräuchte die Zentralbank wohl neues Kapital – und der größte Anteil davon käme wiederum aus Deutschland.

Wahrscheinlicher ist darum die sanfte Variante der Umschuldung, die Schuldenstreckung. Dabei würden die Gläubiger auf die hohen Zinszahlungen verzichten und dem Land erlauben, dass es seine Schulden später zurückzahlt. Auch dabei würden sie Geld verlieren – müssten aber keine Abschreibungen auf Kredite vornehmen. Aus Sicht der Politiker hätte diese Variante überdies den Charme, das griechische Schuldenproblem um ein paar Jahre in die Zukunft zu schieben.

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