Griechenland in der Krise : „Wir haben unsere Seele verloren“

Die Arbeitslosenquote ist in Griechenland auf ein Rekordhoch gestiegen. Griechenlands Entwicklungsminister Chrysochoidis erklärt im Interview, wo für die griechische Bevölkerung die Grenzen der Geduld liegen.

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Michalis Chrysochoidis ist Entwicklungsminister in der griechischen Übergangsregierung. Zuvor war der Politiker der sozialistischen Pasok unter dem im November zurückgetretenen Regierungschef Giorgos Papandreou Wirtschaftsminister.
Michalis Chrysochoidis ist Entwicklungsminister in der griechischen Übergangsregierung. Zuvor war der Politiker der...Foto: REUTERS

Griechenland steckt im fünften Jahr in Folge in der Rezession. Sehen Sie inzwischen Licht am Ende des Tunnels oder wird sich die Rezession in Ihrem Land auch 2013 fortsetzen?

Griechenland ist seit eineinhalb Jahren mit einer nie da gewesenen Aufgabe konfrontiert: Zum einen muss das Budget durch eine Senkung der Staatsausgaben und durch Steuererhöhungen in Ordnung gebracht werden. Auf der anderen Seite geht es darum, die Wettbewerbsfähigkeit durch überfällige Strukturreformen zu verbessern. Beides hat große soziale und damit auch politische Kosten verursacht. Trotzdem verfolgen wir diese Reformen weiter, denn wir wissen, dass Griechenland nur so seine Glaubwürdigkeit zurückerlangen kann. Wir gehen davon aus, dass es 2013 erstmals wieder zu einer wirtschaftlichen Erholung kommt. Im laufenden Jahr wird die finanzielle Konsolidierung weitergehen, und wir wollen 2012 im Haushalt einen Primärüberschuss erzielen.

Wie wollen Sie Wachstum erreichen?

Wenn Griechenlands Wirtschaft ein Problem mit der Wettbewerbsfähigkeit hat, dann hängt das im Wesentlichen mit dem Wirtschaftsmodell zusammen, das in den vergangenen Jahrzehnten gewachsen ist: Konsum, Importe und ein allgegenwärtiger Staat spielten dabei eine Schlüsselrolle. Bedauerlicherweise hat es Griechenland versäumt, die EU-Gelder zu nutzen, die seit den 80er Jahren in das Land flossen, um unsere Wirtschaft auf neue Märkte auszurichten. Wir haben unsere Produktionskapazitäten verloren, wir haben unsere Seele verloren. Deshalb leidet jetzt auch die Realwirtschaft. Jetzt müssen wir aus Griechenland ein Land machen, das wirtschaftlich nach außen schaut und nicht mehr nach innen. Die Exportfähigkeit der Unternehmen muss verbessert werden, wir müssen ausländische Direktinvestitionen ins Land holen und privaten Investoren Anreize bieten. Zudem müssen wir ein unternehmensfreundliches Umfeld schaffen und EU-Fördergelder aus den Strukturfonds künftig schneller und effizienter einsetzen.

Zuletzt hat die Arbeitslosenquote die Rekordhöhe von 17,7 Prozent erreicht. Wie groß ist die Gefahr, dass sich die Unruhen, die Griechenland im vergangenen Jahr immer wieder erlebte, wiederholen?

Reformen ohne den Rückhalt der Gesellschaft sind ein Ding der Unmöglichkeit. Die Arbeitslosigkeit ist eine Bombe, die im Fundament der Gesellschaft tickt. In den zurückliegenden zwei Jahren haben die Menschen in Griechenland ein bemerkenswertes Maß an Geduld gezeigt. Ich frage mich, was in anderen europäischen Ländern passiert wäre, wenn die Löhne innerhalb eines Jahres um 30 bis 40 Prozent gekürzt worden wären. Deshalb müssen wir die nötigen Reformmaßnahmen auch so austarieren, dass es uns gelingt, den gesunden Teil der Realwirtschaft zu stärken, der durch die Kreditklemme und die zahlreichen Steuererhöhungen in den vergangenen zwei Jahren schwer getroffen wurde.

Die griechische EU-Kommissarin Maria Damanaki sagte kürzlich in einem Interview, dass in Brüssel die Auffassung vorherrscht, dass man jetzt genug für Griechenland getan hat und es nun an den Griechen ist, bei der Bekämpfung der Staatsschuldenkrise greifbare Ergebnisse zu liefern. Wie weit verbreitet ist diese Einschätzung?

Man darf nicht vergessen, dass wir uns beim Umbau der Wirtschaft an extrem kurze Fristen halten müssen: Reformen, die jahrzehntelang unter den Teppich gekehrt wurden, werden jetzt innerhalb weniger Monate vorangetrieben. Aber vergessen Sie das Griechenland-Klischee einer überbordenden Bürokratie und eines Verordnungs-Dschungels. Griechenland wird nach und nach zu einem Land, in dem Unternehmen und Investoren freundlich aufgenommen werden – das zeigt auch die jüngste Übersicht der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.

Welche Bedeutung hat der Schuldenschnitt, über den Athen derzeit mit den privaten Gläubigern verhandelt, für Griechenland?

Eine Vereinbarung ist nicht nur extrem wichtig für Griechenland, sondern für ganz Europa. Ich bin zuversichtlich, dass wir nahe an einer tragfähigen Lösung sind.

Das Gespräch führte Albrecht Meier.

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