Wirtschaft : Griechenland ist von einer Euro-Teilnahme noch weit entfernt

GERD HÖHLER[ATHEN]

Als einzigesEU-Mitglied erfüllt das Land noch keines der Kriterien für dieEuropäische WährungsunionVON GERD HÖHLER, ATHEN

Wie überzeugt sind unsere Nachbarn von Europa? In einer Serie haben unsereKorrespondenten ein Stimmungsbild gezeichnet.Mit dem heutigen Beitragbeenden wir den Rundblick.Vor wenigen Wochenbrachte die griechische Zentralbank eine neue Banknote in Umlauf: 200Drachmen ist der kleine, rosafarbene Geldschein wert, umgerechnet knapp1,30 DM.Es wird womöglich der letzte Drachmenschein sein.Im nächstenJahrhundert hoffen auch die Griechen, mit dem Euro zu bezahlen - oder, wieman ihn hier nennt, dem "Evro".Wann die Hellenen den Euro in ihrenBrieftaschen haben werden, steht allerdings noch dahin. Als einzigerEU-Staat erfüllt Griechenland bisher keines der Kriterien für dieEuropäische Währungsunion (EWU).Die Inflationsrate liegt bei 7,7Prozent, das Haushaltsdefizit erreichte 1996 knapp 8 Prozent desBruttoinlandsprodukts (BIP), die Staatsverschuldung beträgt 110,6 Prozentdes BIP, und auch die Zinsen liegen mit 11,2 Prozent für einjährigeStaatsanleihen noch weit über den Konvergenzkriterien.Die griechischeWirtschaftsmisere ist vor allem ein Resultat der Politik desLinkssozialisten Andreas Papandreou, der mit seiner hemmungslosenAusgabenpolitik einen Schuldenberg aufhäufte.Daß Griechenland angesichtsder desolaten Finanzlage im ersten Durchgang die Maastricht-Vorgabenerfüllen kann, ist ausgeschlossen.Allenfalls als Nachzügler, im Jahr2001, wie Athen hofft, wird Hellas in den Euro-Club aufsteigen können.Doch selbst dazu bedarf es erheblicher Anstrengungen.Der Staatshaushaltdes Jahres 1997 steht ganz im Zeichen dieses Kraftaktes.Finanz- undWirtschaftsminister Jannos Papantoniou will den Fehlbetrag auf 4,2 Prozentdes BIP herunterschrauben und 1998 sogar auf unter 3 Prozent drücken.Auchdas in den Maastricht-Vorgaben definierte Inflationsziel soll 1998 erreichtwerden.Papantoniou setzt vor allem auf höhere Steuereinnahmen,Einsparungen und ein kräftiges Wirtschaftswachstum, das in diesem Jahrrund 3 Prozent erreichen soll.Bei den Gewerkschaften, aber auch beimlinken Flügel der regierenden Pasok-Partei stößt der Sparhaushaltallerdings auf erhebliche Widerstände. Ministerpräsident Kostas Simitiswird nicht müde, seine Landsleute zu Opfern aufzurufen: wenn Griechenlandnicht wenigstens als Nachzügler die EWWU-Kriterien erfülle, drohe demLand eine verhängnisvolle wirtschafts- und außenpolitische Isolierung inder EU.In griechischen Wirtschaftskreisen teilt man diese Auffassung zwar,der sozialistischen Regierung wird allerdings zugleich vorgeworfen, sielasse es bei der Sanierung der zerrütteten Staatsfinanzen und bei denüberfälligen Strukturreformen an Entschlossenheit mangeln.Kritisiertwird vor allem, daß Simitis zur Reduzierung des Haushaltsdefizits aufhöhere Steuern setzt.Das, so fürchten die Unternehmer, könnte dasWirtschaftswachstum abwürgen. Auch das Gelöbnis der sozialistischenRegierung, die Planstellen in der aufgeblähten staatlichen Verwaltung zureduzieren, stößt auf Skepsis.Solche Versprechen hört man seit Jahren,aber die Zahl der Staatsdiener stieg immer weiter.Auf Kritik inWirtschaftskreisen stößt aber vor allem die zögerliche Haltung desReformers Simitis in der Privatisierungspolitik.Hunderte sogenannter"problematischer Betriebe", die bei den Staatsbanken hochverschuldet undnach normalen Kriterien seit Jahren pleite sind, werden mit Steuergeldernüber Wasser gehalten.Staatsbetriebe wie die Fluggesellschaft OlympicAirways, die griechische Post, die staatseigenen Werften und dieBahngesellschaft OSE haben während der vergangenen Jahre Milliardenverschlungen.Simitis sieht die Teilnahme an der Währungsunion als "Schicksalsfrage"für sein Land.Sie wird freilich auch über sein eigenes politischesSchicksal entscheiden.Will Griechenland den Anschluß schaffen, sind tiefeEinschnitte unausweichlich.Populär, soviel steht fest, wird diese Politiknicht sein.

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