Wirtschaft : Größe schreckt nicht ab

Ausländische Anleger kaufen sich in die Deutschland AG ein – interessant ist, was Rendite bringt

Carsten Brönstrup,Henrik Mortsiefer

Berlin - Das Thermometer steigt: Der Deutsche Aktienindex hat in zwölf Monaten 1200 Punkte gewonnen – ein Anstieg um 33 Prozent. Und die Prognosen bleiben optimistisch. Denn hinter dem Aufschwung stehen kapitalkräftige Käufer. Heiß auf deutsche Aktien waren in den vergangenen Monaten vor allem ausländische Finanzinvestoren. Allein im Mai und Juni gaben sie mehr als 70 Milliarden Euro an der deutschen Börse aus. Die Kauflust der Ausländer dokumentiert: Der Standort ist wieder attraktiv. Und das spricht sich herum. Das britische Magazin „Economist“ brachte „Deutschlands überraschende Wirtschaft“ in dieser Woche auf die Titelseite.

„Das Engagement ausländischer Anleger zeigt: Jeder Investor sucht sich das Land und die Branche aus, von dem beziehungsweise von der er sich am meisten erhofft“, sagt Thomas Pütter, Chef der Beteiligungsgesellschaft Allianz Capital Partners, einer Tochter des Münchner Versicherungskonzerns. Zudem ziehe die Erwartung, dass es nach der Bundestagswahl einen neuen Reformschub in Deutschland gebe, Investoren an. Aber nicht nur an der Börse. Zwischen Januar und Ende Juni investierten Private-Equity-Fonds (siehe Lexikon) hierzulande 12,9 Milliarden Euro – 22 Prozent mehr als im Vorjahr, wie die Unternehmensberatung Ernst& Young ermittelte.

Doch die Wahl ist nicht alles. Es sind vor allem die vielen attraktiven Unternehmen, die die Käufer anlocken. Und so unterschiedlich ihre Geschäfte, Größe und Gesundheit sind, so verschieden sind die Motive, aus denen Finanzinvestoren zugreifen. Hedge-Fonds etwa, von SPD-Chef Franz Müntefering ungalant als „Heuschrecken“ bezeichnet, agieren vor allem an der Börse, sind zum Teil extrem kurzfristig orientiert und haben eines im Blick – eine möglichst hohe Rendite in möglichst kurzer Zeit. Die im Vergleich zu ihren Konkurrenten im Ausland niedrige Börsenbewertung deutscher Unternehmen macht die Hedge-Fonds besonders hungrig. Prominentestes Beispiel: die Deutsche Börse AG.

Private-Equity-Fonds kalkulieren langfristiger. Sie sind an Firmen interessiert, die saniert werden oder in Branchen Geschäfte machen, die vor großen Umstrukturierungen stehen. Private-Equity-Firmen übernehmen als „Manager auf Zeit“ meist die Mehrheit und bringen die Unternehmen nach vier bis zehn Jahren an die Börse oder reichen sie an den nächsten Investor weiter. Dabei sind die Renditezeile nicht weniger ambitioniert als bei den Hedge-Fonds: „Wir streben bei jedem Engagement an, den Wert des Eigenkapitals zu verdoppeln“, sagt Ralf Huep, Geschäftsführer des Investors Advent, der den Berliner Büroartikelhersteller Herlitz übernommen hat. Das bedeutet – abzüglich Zinsen und Tilgung des Fremdkapitals – in der Regel eine Rendite von 15 bis 20 Prozent auf das eingesetzte Kapital.

Bislang hatten es die Anleger vor allem auf kleine und mittelgroße Firmen abgesehen. Das muss aber nicht so bleiben – auch Dax-Konzerne wie Linde, MAN, Tui oder die Commerzbank gelten als attraktive Ziele. „Größe allein schreckt Finanzinvestoren nicht mehr ab“, sagt Pütter von Allianz Capital, „weil sie über ausreichend Kapital verfügen.“ Advent-Chef Huep bestätigt: „Es ist durchaus denkbar, dass bald ein Dax-Konzern von einem großen Investor ins Visier genommen wird.“

Perlen finden sich aber auch in der zweiten Reihe. Chemie, Finanzen, Zulieferer – „der Mittelstand ist eine Stütze der deutschen Wirtschaft, es gibt viele heimliche Riesen“, sagt Gunter Kayser, Geschäftsführer des Instituts für Mittelstandsforschung in Bonn. Aber viele Unternehmen haben ein Problem: Es fehlt an Eigenkapital. Schätzungen gehen von einem Bedarf von bis zu 100 Milliarden Euro aus. Ohne eine Kapitalspritze könnte vielen deutschen Exportweltmeistern bald die Luft ausgehen. „Das ist im verschärften internationalen Wettbewerb ein Problem“, sagt Gunter Kayser.

Allein auf die Hilfe von Investoren zu setzen, wäre für den Mittelstand allerdings zu wenig, findet Ludwig Georg Braun, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK). „Finanzierungsprobleme machen mittelständische Unternehmen derzeit zu Übernahmekandidaten.“ Die künftige Regierung müsse „die Weichen für eine Stärkung der Selbstfinanzierungskräfte in den Unternehmen stellen“. Dazu müssten Unternehmenssteuern und Abgaben sinken sowie der Arbeitsmarkt flexibler werden. Braun: „Nur wenn Unternehmen Erträge erwirtschaften, können sie Mittel für ihre Eigenkapitalbildung aufbringen.“

Mancher Finanzinvestor versteht sich hier als Katalysator, der nicht nur seine Rendite im Blick hat. 2004 arbeiteten nach Angaben des Bundesverbands der Beteiligungsgesellschaften (BVK) rund 640000 Menschen in Unternehmen, die von Private Equity gehalten wurden. „Der Markt wendet sich immer stärker ab von reinen Finanztransaktionen“, sagt Pütter, der auch Präsident des BVK ist. „Was zählt, ist industrielles Management, das die operative Wettbewerbsfähigkeit der Firmen verbessert.“

Dass solch edle Ziele in Vergessenheit geraten, wenn – wie beim Armaturenhersteller Grohe – Heuschrecken am Werk sind, hat der Branche geschadet. Das räumen auch Experten ein. Umso mehr freut sie der Stimmungswandel und die momentane Deutschland-Begeisterung. Für Finanzmanager Pütter hat die Heuschrecken-Symbolik ausgedient. Er versucht mit Blick auf das heiße Geschäft mit Übernahmen eine andere Assoziation: „Es sind immer zwei nötig, um diesen Tango zu tanzen: ein Verkaufswilliger und ein Käufer.“

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