Wirtschaft : Groß ist sexy: Europas Finanzinstitute trainieren für die Champions-League

Georg Jakobs

Ist eine größere Bank besser als eine kleinere? Noch vor wenigen Jahren, hat unlängst Deutsche-Bank-Chef Rolf-E. Breuer erklärt, hätte die Antwort gelautet: nein, nicht unbedingt. Inzwischen aber, im Zeitalter des Euros, müsse sie überdacht werden. Denn im einheitlichen europäischen Währungsraum seien viele Bankgeschäfte in ganz neue Dimensionen hineingewachsen. "Größe zählt heutzutage", so der Schluss des Deutschbankers.

Mit der Einschätzung steht Breuer nicht alleine. Kaum eine Branche huldigt dem Fetisch Größe mehr als die Banken. Die Antwort ihrer Strategen auf die Herausforderungen der Zukunft ist quer durch Europa die gleiche: Mergers & Acquisitions. Und so bahnt sich eine Welle von Kooperationen, Allianzen und Übernahmen über Europas Bankenlandschaft an, die keinen Markt verschonen wird. Bankaktien hat diese Aussicht zuletzt einen Stammplatz im Rampenlicht garantiert. Kein Gerücht zu absurd, keine Spekulation zu gewagt - alles scheint möglich zu sein.

Die Chancen stehen gut, dass sich Banktitel noch lange im Fokus des Anlegerinteresses behaupten. Denn nicht einmal 50 Prozent des Konsolidierungsprozesses, schätzt Bankenanalyst John Leonard von Salomon Smith Barney, sei bisher erledigt. Langfristig, glauben Marktbeobachter, wird in der Branche kaum ein Stein auf dem anderen bleiben.

Der Konsolidierungsbedarf ist unbestritten. Ein wirklicher Binnenmarkt für Bankdienstleistungen bestand bisher nicht. Erst durch den Euro hat er einen Schub bekommen. Die nationalen, oft überbesetzten und abgeschotteten Märkte brechen aber nur allmählich auf. So ist es nicht verwunderlich, dass der Strukturwandel zunächst innerhalb nationaler Grenzen stattfindet - oder wie in Skandinavien und Benelux in traditionell eng verflochtenen Märkten. So etablieren sich nationale oder regionale Champions, die zunächst einmal ihre Position zu Hause festigen.

Erst in der zweiten Phase, glaubt Branchenanalyst Michael Klein von Sal. Oppenheim, wird es mehr grenzüberschreitende Mergers geben - zunächst aber vorzugsweise von gleichartigen Spezialisten. Im Endstadium der Konsolidierung könne es dann zu großen Zusammenschlüssen kommen, aus denen "Banken für Euroland" entstünden. Bis es so weit ist, werden nach Ansicht Kleins aber mindestens fünf Jahre vergehen.

Die nahe Zukunft, meint auch Salomon-Analyst Leonard, wird noch der nationalen Konsolidierung gehören. Deren Stand ist in den wichtigsten Ländern sehr unterschiedlich: Während in Großbritannien bereits heute kaum eine Hand voll Institute das Breitengeschäft dominieren, ist der hiesige Markt noch so zersplittert, dass Branchenführer Deutsche Bank nur auf 5 Prozent Marktanteil kommt. In Italien brechen die Strukturen gerade auf, während die Konzentration in Spanien schon vorangekommen ist. Und auch Frankreich hat mit der Übernahme von Paribas durch BNP den ersten bedeutenden Schritt bereits hinter sich.

Die größte Aufmerksamkeit werden in den nächsten Monaten wohl jene Märkte auf sich ziehen, in denen sich die nationale Konsolidierung rasch fortsetzt. Italien steht dabei ab erster Stelle. Deutsche Adressen tauchen bei Analysten nicht in der Liste der absoluten Favoriten, sondern erst in der zweiten Reihe auf. James Hyde von Merrill Lynch empfiehlt Deutsche zum Akkumulieren, für Salomon ist die Dresdner ein Kauf. Besonders positiv gestimmt für beide Häuser ist Goldman Sachs. Dort werden sie auf der europäischen Empfehlungsliste geführt. Damit aber fällt Goldman etwas aus dem Rahmen, denn generell haben die deutschen Häuser bei den tonangebenden angelsächsischen Analysten einen schweren Stand, weil sie ihnen als zu wenig aktionärsorientiert und als relativ ertragsschwach gelten. Zudem haben manche Analysten den Eindruck, dass ungeachtet positiver Signale und vieler Gerüchte - zuletzt wurde über eine Übernahme der Dresdner durch die Deutsche Bank spekuliert - noch Zeit ins Land gehen wird, bevor es im deutschen Markt zu nennenswerten Konsolidierungsschritten kommen wird.

Einige bezweifeln gar, dass die deutschen Großbanken wegen ihrer niedrigen Marktkapitalisierung eine große Rolle spielen können, wenn es in Phase zwei des Konsolidierungsprozesses zum Endspiel um Europa kommt. Viel klarer fällt da das Urteil über andere aus. Hyde etwa sieht bereits in drei Jahren die beiden Spanier BBV und BSCH sowie Fortis in der Liga der pan-europäischen Player. Die ambitionierte niederländische ABN Amro wolle auch dort hin, und die Deutsche Bank habe letztlich "keine andere Wahl", als sich dazu zu gesellen, meint der Analyst.

Ohne Fusionen oder Übernahmen führt kein Weg in diese Champions League. Branchenexperten aber glauben, dass die Zeit für grenzüberschreitende Mega-Fusionen noch nicht reif ist. Einstweilen gelten die kulturellen Barrieren als zu hoch - ganz zu schweigen von den politischen. Dass die Zeit der internationalen Zusammenschlüsse irgendwann kommt, bezweifelt indes niemand.

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